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Aus den "Deutschen Nachrichten" |
Fra den tyske avis |
Einzelne Lager |
Om de enkelte lejre |
Deutsche Nachrichten 1947 Nr 1
vom 6. Januar 1947 |
Deutsche Nachrichten 1947 nr 1
fra 6, januar 1947. |
War Hitler nicht Österreicher? af Horst Virchow,
17 Jahre. #1. Svar: #9.
Wir werden uns zu schützen wissen af Geb. Friedrich Gangin,
Lager
Fraer, per Skörping-Jyll. #31.
Stimme aus Deutschland: Eure Tatkraft für ein besseres Ziel ...
! af Paul Koch: #43.
War es möglich zu helfen? af Ilse Schröder, Grove,
Lager 67-11, Bez. IV, Bar. 603, Zinm. 1. #60.
Ingeborg Wulff, Oksböl: Sturm! #70.
Ein offenes Wort an die Heimkehrer von Hans J. Reinowski. #81. |
Var Hitler ikke østriger?
Vi må vide at beskytte os
Stemme fra Tyskland: Brug jeres kræfter på et bedre mål
Var det muligt at hjælpe?
Storm.
Et åbent ord til de bortdragende. |
| 1 War Hitler nicht Österreicher? |
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| 2 Herrn Jochen Spatz. |
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| 3 Ich
möchte Sie bitten, mir doch einige Fragen zu beantworten. |
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| 4 1)
Adolf Hitler ist doch in Österreich geboren worden. Österreich
ist jetzt wieder ein selbständiger Staat geworden und alles was Hitler
gemacht hat, muss das übrige Deutschland tragen. Österreich verlangt
jetzt sogar Wiedergutmachungskosten von Deutschland, wo aber doch der Urheber
des ganzen Verbrechen aus Österreich stammt. Wie kommt das? |
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| 5 Wo hat Hitler den meisten Beifall
gehabt, doch zuerst immer dort. Ganz zum Schluss ist es ihm doch gelungen
in Nord-Deutschland Fuss zu fassen. Und nur noch mit Kampf. Wie hängt
dies alles zusammen? Das kann ich und viele andere nicht begreifen. |
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| 6
2) Das Tagesgespräch ist ausser dem nach Deutschland fahren, das Wort
Demokratie. Ich bin mir nun noch über eins nicht klar. Wir haben jetzt
Kriegsverbrecher von A. bis Z. Jetzt werden alle Demokraten. Sie nehmen
vielleicht noch eine Stellung an, wenn dann der Wind wieder mal anders
weht, dann sind die Demokraten die Verbrecher usw. Ich will nun nicht sagen,
dass die Nazis wieder mal kommen, aber es ist doch schon vieles so gewesen. |
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| 7 Ich bin ja noch sehr jung, aber
das sehe ich mit meinen Augen doch noch. Ich glaube doch, dass man sich
aussprechen kann, nicht wahr; denn das Wort soll ja doch frei sein. Wie
hängt das nun zusammen. Ich bin der Ansicht da, wenn ein Volk dreist
verloren hat, aber trotzdem sein Recht verteidigen kann und soll. Oder
darf ein Volk seine Rechte nicht verteidigen? Es steht ja manchmal so allerhand
in den Nachrichten was manchmal nicht stimmt, aber Papier ist ja geduldig. |
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8 In de Hoffnung, dass Sie mich richtig
verstehen, werde ich schliessen und bin sehr gespannt auf Ihre Antwort.
Schreiben Sie aber auch richtig.
Herzliche Grüsse
Horst Virchow, 17 Jahre. |
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| 9 Antwort |
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| 10 Ja, Adolf
Hitler wurde im Österreich geboren, aber dort hat er in seiner Jugend
nichts werden können, weder als "Kunstmaler2 noch als Bauhandlanger.
Darum ist er nach München ausgewandert, ohne seiner österreichischen
Militärpflicht zu genügen. In München hat er bis zum Kriegsausbruch
ein undurchsichtiges Leben geführt. Und als der erste Weltkrieg ausbrach,
meldete er sich als Freiwilliger bei einem bayrischen Truppenteil |
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| 11
Wo er den meisten Beifall gefunden hat? Nun vorerst einmal in Bayern. Denn
die Bayern in ihrer reaktionären Eigenbrödelei förderten
alles, was dem Staate von Weimar und der Demokratie Abbruch tun konnte. |
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| 12
Warum ganz Deutschland die Folgen für Hitlers Regierungskunst tragen
muss? Weil es ihm möglich war, eine deutsche Staatsangehörigkeit
zu erschleichen, nämlich die braunschweigische. Ein dortiger Naziminister
stell ihn als Regierungsrat bei der braunschweigischen Gesandtschaft in
Berlin an. (So etwas gab es damals nämlich noch.) |
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| 13 Hitler wurde ohne jede Ausbildung und
ohne Staatsprüfung sofort in das Beamtenverhältnis übernommen,
und zwar durch ein Gesetz, das die Braunschweiger Nazis mit Hilfe der deutschnationalen
Landtagsabgeordneten durchdrücken konnten. So sehen Sie immer wieder,
wie die angeblich so Hitler-feindlichen Deutsch-nationalen die Steigbügelhalter
des "Führers" gewesen sind. |
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| 14 Als Hitler sich diese Beamtenstellung
erschlich, rutschte er gleichzeitig in die Staatsangehörigkeit hinein;
denn zu jener Zeit erwarb jeder Beamte zugleich mit seiner Stellung die
Zugehörigkeit zu den Staate, der ihn anstellte. |
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| 15
Damit war die Voraussetzung für Hitler geschaffen, als deutscher Kandidat
bei der Reichpräsidentenwahl aufzutreten, und deutscher Reichskanzler,
später sogar der Alleinherrscher Deutschlands zu werden. |
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| 16
In dieser Eigenschaft hat er Österreich überfallen und erobert.
Dabei spielt die Frage, wieviele Österreicher den Anschluss an das
Dritte Reich ersehnt und gefordert hatten, in der heutigen Zeit nur eine
untergeordnete Rolle. Hitler hat die freie Volksabstimmung, die den Willen
der Österreicher ausdrücken sollte, durch seinen Einmarsch brutal
verhindert. (Den österreichischen Kanzler Dollfuss, der ein Gegner
des Anschlusses war, hatte er vorher ermorden lassen. Darum müssen
wir uns heute damit abfinden, wenn die Österreicher sich auf den Standpunkt
stellen, sie seien überfallen und dem Dritten Reich zwangsweise einverleibt
worden. |
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| 17 Bei einer solchen Haltung entgeht Österreich
erstens der Verantwortlichkeit für alles, was Hitler begangen hat.
Und zweitens ist dieses Land nach Lage der Dinge sogar berechtigt, Schadenersatz
von dem geschlagenen Deutschland zu fordern. |
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| 18
Inwieweit sich die Stellung Österreichs als selbständiger Staat
in Zukunft segensreich auswirken wird, bleibt abzuwarten. Deutschland kan
ja in seiner heutigen Form -- in Zonen zerrissen -- auf die Dauer auch
nicht ohne fremde Hilfe bestehen. Vielleicht wird die neue Ordnung doch
eines Tages in die Vereignigten Staaten Europas einmünden, nach denen
sich so viele gute Europäer seit langem sehnen. |
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| 19 Und nun
ein Wort über die Demokratie. Wer als Kriegsverbrecher anzusehen ist,
dürfen Sie inzwischen durch die Berichte unseres Blattes erfahren
haben. |
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| 20
Demokrat wird man nicht von heute auf morgen. Dazu gehört erstens
viel guter Wille und zweitens rückhaltlose Offenheit. Glauben Sie
nur nicht, den Menschen, die jetzt aus Berechning ein demokratisches Fähnchen
in den Wind hängen, wird es auf die Dauer glücken, sich zu tarnen,
wenn Sie es nicht ehrlich meinen. An ihrem Verhalten wird man erkennen,
wes Geistes Kinder sie sind. Und man wird sie entsprechend behandeln. |
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| 21
An eine Wiedergeburt der nationalsozialistischen Macht in Deutschland glaube
ich nicht. Dazu hat unser Volk seine Verirrung zu teuer mit Blut und Gut,
mit Tränen und Schweiss bezahlen müssen. |
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| 22
Bei meiner neulichen Reise nach Deutschland habe ich im Gegenteil den Eindruck
gewonnen, als sei den entscheidenden Teilen unseres Volkes heute klar,
worauf es in Zukunft ankommt: nämlich sein politisches Geschick in
die eigenen Hände zu nehmen und sich sebst zu regieren. Durch welche
Parteien das geschieht und geschehen soll, wollrn wir hier im Auslande
nicht besprechen. |
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| 23 Die Hauptsache bleibt, dass wir Deutschen
in Zukunft alle Bestrebungen scheuen, die darauf ausgehen, die Herrschaft
einer einzigen Partei durch Gewal zu erlangen. Jede Partei, deren Zies
es ist, die freie politische Meinungsbildung zu unterbinden, ist ein Feind
der Rechte. |
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| 24
Übrigens enthält Ihr Schreiben eine wichtige Wahrheit: Kein Volk
soll sich einbilden, dass es von vornherein und endgültig vor dem
Machtbegehren des Totalismus gesichert sei; denn die Entwicklung der modernen
Technik mit ihrer Vermassung der Menschen leistet derartigen menschenfeindlichen
Bestrebungen Vorschub. Da heisst es wachsam sein! |
|
| 25
Ob ein Volk das einen Krieg verloren hat, trotzdem sein Recht verteidigen
kann und soll? Aber ganz gewiss darf und soll es das tun. Denn alle Völker
gehören zusammen. Verliert erst eines sein Recht, so müssen im
Laufe der Zeit alle Völker darunter leiden. Es kommt nur auf die Mittel
an, mit denen das Recht verteidigt wird. Deutschland und alle andern Völker
der Erde müssen -- wenn unsere abendländische Kultur nicht zu
Grunde gehen soll -- auf den Krieg als Wahrer des Rechtes verzichten und
Ihre Streitigkeiten mit politischen Mitteln, also durch Beratung, Übereinkünfte
und Rechtssprüche regeln. |
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| 26 Damit ist garnicht gesagt, dass man
für die Übergangszeit auf militärische Machtmittel verzichten
könnte. Nur dürfen diese Machtmittel nicht einem einzigen Staat
oder einer Gruppe von Staaten unterstehen, sondern dem Rate aller vereinten
Nationen. Damit würden die Truppen zur Weltpolizei, deren Aufgabe
wäre, über die Sicherheit aller Weltbürger zu wachen, so
wie es heute Aufgabe der staatlichen Polizeikörper ist, die Sicherheit
der Staatsbürger zu schützen. Freilich ist es ein langer Weg,
der uns zu dieser Ordnung führen wird. |
|
| 27 Doch das Ziel lohnt die Mühe, ihn
heute schon zu beschreiten. Uns Deutschen wird der Entschluss, ihn zu gehen,
durch unsere Niederlage erleichtert. Für uns ist der böse, menschenfeindliche
Traum, das, was wir für unser "Recht" halten, ohne Rücksicht
auf das Glück anderer Völker mit Waffengewalt zu ertrotzen, für
immer ausgeträumt. |
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| 28
Sie meinen, es stände so allerlei in unsere Zeitung, was nicht der
Wahrheit entspräche. Das kommt freilich vor, nicht nur in den "Deutschen
Nachrichten", sondern in allen Zeitungen der Welt. Seitdem die von den
Nationalsozialisten durchgeführte Gleichsschaltung der Presse aufgehoben
wurde, sind die Schriftleiter keine von der Staatsmarcht geschützten
Halbgötter mehr, sondern wieder ganz gewöhnlichen Menschen wie
Sie und jeder andere. Die Zeitung verkündet nicht mehr alleinseligmachende
Offenbarung. |
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| 29 Sie ist wieder Menschenwerk, gemacht
von Leuten, die Unrecht haben können und, die sich irren dürfen,
genau so wie Sie. Denn Sie wissen: irren ist menschlich. |
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30
Nun hoffe ich, Ihnen so geantwortet zu haben, dass Ihnen meine Antwort
bei Ihre Mühe, das Rechte zu finden, ein wenig behilflich sein kann.
Ich bin mit vielen Wünschen und Grüssen Ihr
Jochen Spatz. |
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| 31 Wir werden uns zu schützen wissen |
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| 32
An 20.11.46 kan der behördliche Betreuer, unser Landsmann Harder nach
Fraer und hielt ein Referat mit anschliessender Diskussion. Er sprach über
"Demokratie, die Zukunft Deutschlands". In seiner Begleitung befand sich
kultureller Betreuer Peter Beck. Harder sprach eindringlich und sachlich,
scheibnar aber nicht im Sinne der leider noch immer ideologisch verseuchten
früheren NSDAP-Mitglieder. In der Diskussion wurde auch die "Demokratie"
in den Lageren gestreift. Nach Ansicht vieler Flüchtlinge zu Recht. |
|
| 33 Die meisten der eingesetzten Barackenvertrauensleute
wachsen sich nach ihrer Ansicht gegenüber den hier befindlichen Flüchtlinge
zu Diktatoren aus und amtieren auch völlig unberechtigt als beschlussfähige
Lagerleitung. Auch die Verteilung und der Verbrauch der Lebensmitten ist,
vielleicht berechtigt, vielleicht unberechtigt, ständiger Kritik durch
die Lagerinsassen ausgesetzt und somit auch die Personen, die damit zu
tun haben. |
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| 34 Diesem Übelstand wollte Landsmand
Harder abhelfen und schlug vor, von der Wahl einer Gemeindevertretung om
Augenblick Abstand zu nehmen und einen Fünferrat einschliesslich des
dtsch. Vertrauensmannes zu bilden, der die Gemeindevertretung darstellen
sollte. Falls derselbe sich nicht bewährte, sollte später zur
Wahl einer vollständigen Gemeindevertretung geschritten werden. |
|
| 35 Die im Saal anwesenden Stubenvertrauensleute
als Vertreter ihrer Stubeninsassen waren damit einverstanden. Zuvor war
über diese Regelung mit dem dän. Lagerchef gesprochen und seine
Zustimmung eingeholt. Wohlgemerkt! Zur Bildung des schon genannten Fünferrats
und einer achtköpfigen Küchen- und Verpflegungskommission mit
sechswüchigem Wechsel. Die für den Fünferrat vorgesehenen
Personen waren dem dän. Lagerchef vorgelegt und wurden ohne wesentliche
Beanstandungen seinerseits anerkannt. Das ist nämlich die Hauptsache!
Der Lagerchef muss die Personen anerkennen, liebe Landsleute und das ist
in den immerhin noch nazistisch verseuchten Lagern gut so, sonst würden
die allerdümmsten Kälber wieder ihre eigenen Metzger wählen. |
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| 36 Wir haben in den Lagern auch nur, wie
unsere Landsleute im Reich, eine eingeschränkte Demokratie. Auch dort
wurden in dem vom Nazismus hinterlassenen Chaos erst Behördenvertreter
von den Alliierten eingesetzt, die evtl. spätere Wahlen von Personen
und Körperschaften organisierten und durchführten. Der dän.
Lagerchef kann ohne weiteres den Fünferrat ernennen, denn von Wahl
eines solchen Körpers ist im "Reglement für dtsch. Flüchtlinge"
nichts erwähnt, es wird nur vom dtsch. Vertrauensmann gesprochen. |
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| 37 Landsmann Harder wollte im Interesse
der Lagerinsassen mit Einverständnis des dän. Lagerchefs weiter
gehen. Der Fünferrat soll die oberste Körperschaft in allen rein
innerdeutschen Lagerangelegenheiten bilden. Dieses passte einigen Lagerfunktionären,
die ihr uneingeschränktes Herrschertum über die Flüchtlinge
dadurch scchwinden sahen, scheinbar nicht. |
|
| 38 Und doch hat die überwiegende Mehrzahl
der am 30. 11. 46 unter der wirklich sachlichen Leitung des deutschen Vertrauensmannes
tagenden Stubenvertrauensleute nach sehr erregter Debatte die Bildung des
Fünferrats nach Vorschlag Harders beschlossen, trotzdem sich der Lagerrichter
sehr gegen denselben aussprach. |
|
| 39
Dieser Herr, der sehr stark auf seinen persönlichen Vorteil bedacht
zu sein scheint (denn er besass schon den Zusatzstempel auf seiner Essenkarte
noch bevor er in seinem neuen Amt etwas geleistet hatte, auch hat er gleich
eine Hose haben wollen, trotzdem andere Landsleute, die täglich draussen
arbeiten, noch viel schlechter mit ihrer Bekleidung dran sind wie er),
bekam es sogar fertig, in abfälliger, gemeiner Weise über Hader
und Beck in der Versammlung zu sprechen. "Wir sind Deutsche und helfen
uns allein, wir brauchen keine Emigranten als Betreuer, die für mich
keine Deutschen sind, denn sonst wären sie in de Heimat geblieben",
sagte er. Zum Hängen wohl oder zum Martern. Rechtsanwalt Schmidt aus
Allenstein, was?! |
|
| 40 Das hätte Ihnen so passen können,
der Sie jetzt den Mund aufreissen und stets alles als undemokratisch verwerfen.
Taten Sie das in Deutschland zur Zeit des Nationalsozialismus auch?! Wohl
nicht! Da war Ihnen Ihre Existenz lieber! Taten Sie es aber seinerzeit
nicht in der Heimat, so können Sie es auch ruhig hier im Lager unterlassen. |
|
| 41 Überlassen Sie das den Antinazisteh;
denn die taten es schon in der Heimat und haben auch hier ein Recht darauf.
Seien Sie in Zukunft etwas vorsichtiger und nehmen Sie bitte auf die schon
recht stark mitgenommenen Nerven der Flüchtlinge Rücksicht. |
|
42 Unsere deutschen Landsleute, unsere
Vorkämpfer für Demokratie und Sozialismus, die wegen der braunen
Mordbande die Heimat verlassen mussten, um ihr Leben zu retten, werden
wir in Zukunft gegen solche Anwürfe von Leuten Ihres Schlages zu schützen
wissen.
Geb. Frierich Gangin,
Lager Fraer, per Skörping-Jyll. |
|
| 43 Stimme aus Deutschland: Eure Tatkraft
für ein besseres Ziel ... ! |
Stemme fra Tyskland: Brug jeres kræfter på et
bedre mål ...! |
| 44 In den
langen Monaten des Nürnberger Prozesses habe ich den Prozessverlauf
im Hamburger, Münchener und Londoner Sender verfolgt. Für mich
als ehemaligen Berufssoldaten, der über 27 Jahre Soldat war, der sich
hochgearbeitet hat (Arbeitersohn), der zehn Jahre Offizier und über
zwei Jahre Stabsoffizier in der Marine war, kam in erster Linie die Beurteilung
der ehemaligen militärischen Führer in Betracht. Mein Urteil,
dass die Verurteilung der ehemaligen militärischen Grössen zu
recht erfolgt und das Urteil gegen den ehemaligen Grossadmiral Dönitz
zu milde ist, möchte ich vorwegnehmen. |
I de lange måneder med Nürnberg-processen
har jeg fuldt processens forløb i radio fra Hamburg, München
og London. Jeg er tidligere professionel soldat, har været soldat
i mere end 27 år, har arbejdet mig op (jeg er søn af en arbejder),
jeg har igennem ti år været officer og i mere end to år
stabsofficer i marinen, og for mig var det først og fremmest bedømmelsen
af de tidligere militære førere, der kom i betragtning. Min
bedømmelse: at dommen over de tidligere militære chefer var
den rette afgørelse og at dommen over den tidligere storadmiral
Dönitz for mild, vil jeg gerne forudgribe. |
| 45 Dass ich mit meiner Stellungnahme bei
vielen meiner ehemaligen Berufskameraden auf Widerstand stosse, ist mir
bewusst; fehlt es doch hier sehr oft an der logischen und sachlichen Durchdenkung
allen Geschehens. |
At jeg med min stillingtagen støder på modstand hos mange
af mine tidligere kolleger, er jeg mig bevidst, |
| 46
Für den Soldaten und erst recht für den Offizier steht das Gesetz
fest, dass jeder Befehl, der ein Verbrechen bezweckt, nicht durchgeführt
werden darf und dass in solch einem Falle der Befehlsgebende sich selbst
schwer strafbar macht. Wer aber Verbrechen befiehlt, in gleichem Atemzuge
kleinste Vergehen mit den höchsten Strafe belegen lässt, der
ist nicht nur ein Verbrecher, er ist ein "gemeiner Verbrecher". Die in
Nürnberg verurteilten ehemaligen Führer der deutschen Wehrmacht
haben aber verbrecherische Befehle gegeben. Allein die Befehle zur Erschiessung
der Kommandotruppen, der Besatzungen der englischen Klein-U-Boote und der
entwichenen englischen Fliegeroffiziere wäre schon ein Grund zur Vollstreckung
der Todesurteile gewesen. |
|
| 47 Allein der Gedanke zu solchen Untaten
stand in schroffem Gegensatz zu der Behandlung unserer Kriegsgefangenen
in England, Kanada und Amerika. Ein Brief des ehemaligen U-Bootkommandanten
Kretschmer beweist dies, der seinerzeit in der Marine herumgereicht wurde.
Trotzdem diese militärhschen Führer wussten, dass der Krieg Anfang
1944 verloren war, haben sie nichts für die wegen des 20. Juli 1944
Verurteilten getan. Im Gegenteil, sie haben noch mehr als bisher der Partei
und der SS Freiheiten in der Wehrmacht eingeräumt, und die von ihnen
angeordnete Bestrafung des sogenannten Defaitismus wurde härter und
härter. |
|
48 Ohne ehrenhafte Tradition
Sie haben aber auch keinen Anspruch
auf traditionelle Beurteilung von seiten der ehemaligen Berufssoldaten,
da sie keinen Zug von Tradition gezeigt haben. Bei ihnen war kein Wesenszug
von Hindenburg zu spüren. Dieser Mann, dessen Name mit dem eines Hitler
eng verbunden ist, hatte nach der verlorenen Schlacht 1918 doch die Grösse,
den Waffenstillstand zur Vermeidung grössere Opfer zu verlangen. |
|
| 49 Wenn die klare Erkenntnis des verlorenen
ersten Weltkrieges nicht Allgemeingut des Offizierskorps wurden, wenn willig
die Mär des Dolchstosses von hinten gehegt und gepflegt wurde, dann
tragen diese Männer ein Teil con Schuld auf ihren Schultern. Ist auf
den Kriegsschulen je die Tragikomödie von Langemark als das hingestellt
worden, was sie wirklich war: Ein blutiger militärischer Dilettantismus,
für den der damalige militärische Führer vor ein Kriegsgericht
gehörte? Statt dessen wurde die sinnlose Hinopferung besten deutschen
Blutes zum heldischen Erlebnis gestempelt. |
|
| 50
Die wachsweichen Figuren des Oberkommandos haben bis zuletzt Todesurteile
gegen Männer vollstrecken lassen, die ihrem Volke weitere Opfer ersparen
wollten. Die Schuld der Keitel, Jodl und Raeder ist so eindeutig in Nürnberg
festgestellt worden, dass ich mich hierüber jeden weiteren Kommentars
enthalten kann. |
|
51 Der verantwortungslose Dönitz
Wie sieht es dagegen mit Dönitz
aus? Sein Untergebener, der Admiral Schniewind, äusserte sich schriftlich
Anfang 1943: Es muss uns gelingen, aus der belagerte Festung Europas herauszukommen,
um überhaupt die Möglichkeit des Gewinnens dieses Krieges in
Betracht zu ziehen. Andernfalls müssen wir versuchen, zu einem Gentleman-Agreement
zu kommen.Wie stellte sich nun Dönitz zu dieser Frage? |
|
| 52 Ende 1943 äusserte er sich mündlich
und schriftlich gegenüber seinen Befehlsbanern: Alle Anzeichen sprechen
dafür, dass die Invasion im Frühjahr 1944 am Kanal kommen wird.
Es mus uns gelingen, diese Invasion im Anfang zu zerschlagen. Gelingt uns
dies nicht und hat der Feind in Frankreich Fuss gefasst, dann sind wir
nicht mehr in der Lage, ihn wieder hunauszuwerfen, sondern er ist binnen
kurzem im Ruhrgebiet, und der Krieg ist für Deutschland verloren. |
|
| 53
Hat nu Dönitz trotz dieser Erkensnisse als verantwortungsbewusster
militärischer Führer gehandelt? Die Tatsache, dass er nach gelungener
Invasion, vollständiger Besetzung von Frankreich und selbst noch bis
in die letzten Tage des Kampfes hinein Tausende und aber Tausende junger
Menschen, bestes Personal der Marine, unzureichend ausgebildet und mangelhaft
bewaffnet, in den Kampf als Marinedivision, Panzerkampftrupps usw. werfen
liess, kennzeichnen ihn zur Genüge. Das war nicht mehr militärischer
Dilettantismus, sondern Verbrechen am deutschen Volk. |
|
54 Die Schuld der Oberbefehlshaber
Anfang 1944 sagte ich am Schwarzen Meer zu
Kameraden. Wir als Deutsche haben so viel ausgefressen während des
Krieges, wenn unsere Gegner den Krieg gewinnen, werden uns die Augen übergehen
über unsere Schuld und über unser Elend. Die meisten machten
sich keine Gedanken darüber, was wir mit den Offizierskorps von Polen,
Holland, Belgien, Norwegen usw. gemacht hatten, sie hatte auch vergessen,
wie es dem deutschen Offizierskorps nach dem ersten Weltkrieg ergangen
ist. |
|
| 55 An dieser Entwicklung und dem blinden
Herum- und Hineintappen des Offizierskorps zum Schaden des deutschen Volkes
haben diese von Hitler gezüchteten und an die Spitze gestellten Oberbefehlshaber
ein gerüttelt Mass von Schuld. |
|
| 56
Warum ich dies schreibe? Nicht, um nachträglich mit Schmutz zu werfen.
Auch ich gehöre zum deutschen Volke und trage meinen Teil an Schuld.
Ich schreibe dies, weil heute noch ein grosser Teil ehemaliger Berufssoldaten
abseits steht, den Schmollwinkel aufgesucht und noch nicht begriffen hat,
dass das Beste, was der Soldat geben wollte, für die unsinnigste Idee
und auf die betrügerischste Art ausgenutzt worden ist. |
|
| 57 Viele ehemalige Berufssoldaten denken
heute noch an einen Krieg, versprechen sich von einer Auseinandersetzung
zwischen Ost und West die Lösung ihrer Schwierigkeiten und verkennen
dabei vollkommen, dass wir dabei todsicher in noch grösseres Elend
kommen und dabei Gefahr laufen, von der landkarte gestrichen zu werden. |
|
| 58
Als Kämpfer für die sozialistische Idee -- was mir starke persönliche
Anfeindungen eingebracht hat -- und als Rufer: Nie wieder Krieg! rufe ich
allen ehemaligen Befurssoldaten zu: Euer Bestes -- Einsatzbereitschaft,
Mut, Einstehen für eine gute Sache, Kameradschaft --, rettet es Euch
mit hinüber in das bürgerliche Leben! Werdet Verfechter einer
Sache, um die zu kämpfen es sich lohnt! Helft den Bedrängten
und den durch die Macht des Kapitals Unfreien! Überlegt, ob es nicht
sinnvoller ist, mitzuhelfen, das Leben lebenswert zu gestalten, anstatt
das Leben für den Krieg zu opfern! Sagt nicht, das Wollen der ehemaligen
Berufssoldaten wird nicht anerkannt. |
|
59 Der Arbeiter ist der letzte, der uns
verurteilt. Seien wir aber ehrlich: Haben wir nicht of Grund zum Klagen
gegeben? Zeigen wir durch Einsatz und positive Mitarbeid, dass wir unseren
Teil zur Wiedergutmachung beitragen wollen! Zeigen wir die Einsicht und
den Mut, da zu verurteilen wo zum Wohle des deutschen Volkes und zur Erringung
unserer Selbständigkeit und letzten Endes von Rechts wegen verurteilt
werden muss!
Paul Koch. |
|
| 60 War es möglich zu helfen? |
Var det muligt at hjælpe? |
61 Liebes Fräulein Elisabeth Selke!
Habe Ihren Brief gegen meinen
Aufsatz in unserer Flüchtlingszeitung "Deutsche Nachrichten" gelesen.
Unsere Zeitung steht jedem frei, darin seine Meinungen zu äussern.
Was wir gesehen und erlebt haben, wie es deutschen und auch fremdvölkischen
Menschen während der Nazizeit ergangen ist. |
Kære frøken Elisabeth Selke!
Jeg har læst Deres brev imod min artikel
i vor flygtningeavis "Deutsche Nachrichten". Det står enhver frit
for at ytre sine meninger deri, om hvad vi har set og oplevet, om hvordan
det er gået tyskere og ikke-tyskere i nazitiden. |
| 62
Sie schreiben: "Ich muss ja sehr darüber staunen, was Du alles schreibst.
Ich habe auch den Leidensweg der Judenfrauen gesehen. Ich konnte es nicht
lange ansehen, denn die Menschen fielen vor Hunger um" Usw. |
De skriver: "Jeg bliver
højlig forbavset over alt det, du skriver. Jeg har også set
jødekvindernes lidelsesvej. Jeg kunne ikke se ret længe på
det, for menneskene faldt om af sult" osv. (46-42#36) |
| 63 Sie schreiben,
es wäre nicht möglich gewesen, diesen Menschen zu helfen. Nicht
nur meine Eltern, sondern auch andere Leute haben es versucht, diesen Menschen
zu helfen, wie ich es bereits berichtet habe. |
De skriver, at det ikke var muligt
at hjælpe disse mennesker (46-42#36).
Ikke kun mine forældre, men også andre mennesker har forsøgt
at hjælpe disse mennesker, sådan som jeg har berettet om det.
(46-30#55) |
| 64
Ein Sträfling, der mit einem Leidenszug an unserm Haus vorbei kam,
sich Heringe von unserm Fensterbrett nahm und sie verschlang. Ein SS-Polizist
sich hinter ihn machte, während der Sträfling zu fliehen versuchte
und ihn dann auf der Stelle erschoss. So ist es vielen Menschen in der
letzten Zeit, den Ende des Hitlerkrieges ergangen. |
En straffefange, der sammen med et lidelsestog
kom forbi vort hus, tog en sild fra vort vinduesbræt og slugte den.
En SS-politimand råbte op bag ham, straffefangen forsøgt at
flygte og blev skudt på stedet. Sådan er det gået mange
mennesker i den sidste, enden på Hitlerkrigen. |
| 65
Sie meinen, es wäre niemand hier, der davon berichten könnte. |
De mener, at der ikke ville være
nogen her, der kan berette om det. (46-42#38) |
| 66 Frl. Anni
Schiemann schreibt mir: "Ja, was Du da alles geschildert hast, ist ja die
Wahrheit. Ich selbst habe das mit meinen eigenen Augen gesehen. In Prangenau
das Massengrab. Auch alles andere in Kahlbude. Ich denke so oft an all
das Schreckliche, was man dort gesehen hat. Manch einer kam ganz unschuldig
dorthin. |
Frk Anni Schiemann skriver til
mig: "Ja, alt, hvad du har skildret, er jo sandt. Jeg har selv set det
med mine egne øjne. I Prangenau massegraven. Også alt det
andet i Kahlbude. Jeg tænker så ofte på alt det skrækkelige,
som man har set dèr. Der var jo mange, der kom af dage ganske uskyldigt.
(47-03#67) |
| 67
Frage: "Du weisst doch wohl, was Dein Vater war, oder hast Du das schon
so schnell vergessen?" |
Spørgsmål:
"Du ved dog vel, hvad din far var, eller har du allerede så hurtigt
glemt det?" (46-42#37) |
| 68 Antwort:
"Mein Vater war nicht Nazi, gehörte zu keiner Partei, war auch nicht
bei der Polizei, wie Sie vielleicht denken. Mein Vater war Maschinist,
ist auch heute noch als solcher in der Papierfabrik tätig. Da können
Sie sehen, dass mein Vater auch jetzt bei den Polen sich keinen Befürchtungen
auszusetzen braucht. Also hat mein Vater doch vielen dieser unglücklichen
Menschen in mancher Heimlichkeit geholfen. |
Svar: "Min far var ikke
nazist, tilhørte ikke noget parti, var heller ikke ansat ved politiet,
som De måske tror. Men far var maskinist, er også i dag beskæftiget
som sådan ved en papirfabrik. Deraf kan De se, at min far selv nu
ikke behøver at udsætte sig for nogen frygt blandt polakkerne.
Altså, min far har dog hjulpet mange af disse ulykkelige mennesker
i al hemmelighed. |
69
Ich hoffe, dass dieser Brief Ihnen, meine vollste Wahrheit, die Antwort
auf Ihren Brief ist.
Mit bestem Gruss!
Ilse Schröder,
Grove, Lager 67-11, Bez. IV, Bar. 603, Zinm. 1. |
Jeg håber, at dette
brev, som er den fulde sandhed, er svar på Deres brev.
Med de bedste hilsener
Ilse Schröder,
Grove. |
70 Ingeborg Wulff, Oksböl:
Sturm! |
|
| 71
Hui, fegt der Wind um das Haus, dass die Fensterläden klappern, rüttelt
am Dache, dass man meint, es müsse jeden Augenblick losgerissen und
hochgehoben werden und saust durch den Schornstein unheimlich singend unf
pfeifend. Mit aller Kraft trommelt der Regen gegen die Fenster. Kleine
Spritzer dringen durch die Ritzen mit ins Zimmer. Stockdunkel ist es draussen.
Eine Herbstnacht voller Sturm und Regen! |
|
| 72 Wie gemütlich sitzt es sich doch
im warmen Zimmer, bei leichten Geplauder oder einem Buche. Man fühlt
sich so geborgen. Nur ab und zu, wenn der Sturm gar zu arg wütet,
horcht man auf und denkt an die alten Sagen von der wilden Jagd, von Wodan
der jetzt durch die Nacht reitet. Gespenstergeschichten aus der Kindheit
werden lebendig. Angenehm gruselts einem. Man geht ins Bett, zieht sich
die Decke über den Kopf und lauscht von diesem warmen sicheren Ort
auf das Toben der entfesselten Elemente und schläft ein, bis man jäh
geweckt wird durch ein Trommelfeuer, das der Regen gegen die Fenster veranstaltet
und den Wind, der wütend an den Läden rüttelt. Aber es lässt
nach und der Schlaf stellt sich wieder ein. Unruhig, oft hochfahrend und
lauschend, vergeht die Nacht. |
|
| 73
Spät erst graut der neue Tag. Der Sturm tobt mit unverminderter Kraft
weiter. Wahre Seen und Bäche hat der Regen auf die Erde gegossen,
der Wind konnte sie nicht auftrockenen. Wer nicht unbedingt hinaus muss,
bleibt im Zimmer. |
|
| 74
Vor einer Baracke hat der Sturm eine grosse, alte Tanne entwurzelt. Sie
schwankt und beugt sich, richtet sich wieder auf, neigt sich tiefer --
aber noch liegt sie nicht am Boden. Eine Wurzel, mannshoch, hebt sich bei
jedem Neigen des Baumes in die Luft. Wann wird er fallen? -- Erwachsene
und Kinder stehen an der Tür und sehen dem Sterben der Tanne zu. Für
die meisten ist es ein Schauspiel. Viele warten darauf, der Zweige und
Äste habhaft zu werden, ist es doch leichterworbenes, zusätzliches
Brennmaterial. Aber so bald gibt sich der alte Baum nicht geschlagen. Zäh
kämpft er mit dem Sturm um sein Leben. Vergebens! Tiefer und tiefer
neigt er sich. Die Erwachsenen stehen und warten, und die Kinder sind rein
aus dem Häuschen, sie wollen hin! Auch die Kleinsten. Der 3-jährige
Hartmut möchte sein Mäntelchen angezogen haben, er will mit Karsten,
der halb so alt ist wie er und immer treu und brav hinterher tappst, die
Tanne bewachen. |
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| 75 Wenn sie umgefallen ist, wollen sie
beide den Baum reinbringen. Karsten nickt dazu und sagt: "Baum." Endlich
liegt die Tanne am Boden, entwurzelt. Wo sie stand, ist ein mit Wasser
gefülltes Loch. Und als ob der Sturm genug gewütet und seine
Kraft erprobt und gemessen hat, nun sein Opfer am Boden liegt, hat er sich
ausgetobt. Es ist ruhiger geworden. Der Regen hat aufgehört. Die Sonne
wagt sich zwischen den zerfetzten Wolken hervor. Die Kinder wollen hinans.
Natürlich muss Karsten mit. |
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| 76 Ich rufe ihm noch zu, nicht durch das
Wasser zu laufen. Gehorsam macht er einen Bogen, aber die kleinen Beinchen
werden wie magnetisch von der Pfütze angezogen, dem Rand konne sie
nicht mehr ausweichen. Es ist noch sehr windig und plötzlich kommt
ein Regenschauer. Will der Sturm wieder einsetzen? Ich rufe Karsten, doch
der hört nicht. Vielmehr läuft er mir davon. Ich hinterher! Ein
Stolpern, dann liegt er im Dreck! Sturm! |
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| 77
Aber en kann sich nicht entfalten, denn draussen müssen wir der aufs
Neue entfesselten Natur weichen, und auf dem Flur werden Nachrichten verlesen,
sodass man ganz leise sein muss. Ich lasse den Jungen los. Plötzlich
ertönt ein Poltern und Rollen, dass alle erschrocken hochfahren. Was
ist geschehen? Hat der Sturm etwas losgerissen? Da zeigt sich schon des
Rätsels Lösung. Karsten packt aus einer Kiste, die auf dem Flur
steht, Torfstücke aus! Es bautzt so hübsch! Ich eile zu ihm.
Diesmal entgeht er nicht der Strafe! Aber vorher nimmt er noch schnell
eine Hand Torfgrus, hebt den Deckel des Eimers hoch, der vor einer Tür
auf der Erde steht und in dem gerad Milchsuppe geholt worden war, wirft
den Torf hinein und deckt den Deckel wieder darauf. |
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| 78 Ich war sprachlos über die unschuldige
Selbstverständlichkeit, mit der er das tat. Ich nahm den Deckel hoch,
ratlos, was ich beginnen sollte, sah die braune Masse auf dem Weissen schwimmen
und -- deckte den Deckel auch wieder darauf. |
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| 79 Aber dann
brachte ich ihn ins Zimmer und hier erlud sich ein Sturm über ihn,
der dem draussen an nichts nachgab. |
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| 80
Stürme müssen sein, sie sind seltener als Sonne und Regen, aber
sie hinterlassen tiefere und längere Eindrücke. |
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81 Hans J. Reinowski:
Der Flüchtling und das Durchgangslager (Ein offenes Wort an
die Heimkehrer) |
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82 Unter
den deutschen Flüchtlingen gehen über die Durchgangslager bei
Kolding folgende Gerüchte um:
1. Die Gepäckuntersuchung wird
rigoros gehandhabt.
2. Den Flüchtlingen werden ersparte
Lebensmittel abgenommen, die nicht der menschlichen Ernährung zugeführt,
sondern als Viehfutter oder sonstwie vertan werden.
3. Den Flüchtlingen wird
persönliches Eigentum abgenommen, wie Fahrräder, Rundfunkgeräte,
Schmucksachen und dergleichen.
4. Das Gepäck wird in Abwesenheit
der Flüchtlinge durchsucht, unsachgemäss behandelt und schlecht
bewacht, so dass es nicht sicher ist.
5. Die Unterbringung im Lager ist schlecht,
das Essen mangelhaft.
6. Das Durchgangslager ist unsauber;
die sanitären Anlagen befinden sich in schlechtem Zustande. |
|
83
Wir sind diesen Klagen an Ort und Stelle gründlich nachgegangen und
haben folgenes festgestellt:
Zu 1: Die Gepäckuntersuchung
wird streng, aber nach Lage der Dinge einwandfrei durchgeführt. Diese
Tatsache wurde durch Befragen vieler Heimkehrer, durch Rücksprache
mit den Stamminsassen des Lagers, mit Angehörigen der deutschen Arbeitsabteilung
und mit den deutsehcn Vertrauensleuten und ihren Mitarbeitern festgestellt. |
|
| 84 Zu 2: Ersparte
Lebensmittel werden den Heimkehrern abgenommen, weil die Bestimmungen,
deren strikte Innehaltung von den Besatzungsbehörden in Deutschland
gefordert wird, für die Reise in die britisch besetzte Zone eine Mundvorrat
für drei Tage, für die französisch besetzte Zone für
zehn Tage vorschreiben. |
|
| 85 Berichten
aus Deutschland zufolge ist es bei der Ankunft der ersten Heimkehrer in
den deutschen Lagern wegen der besseren Haltung und Versorgung der Rückkehrer
aus Dänemark zu Unzuträglichkeiten und Reibereien unter den Flüchtlingen
gekommen. Deshalb darf kein Rückkehrer grössere Vorräte
als für drei Tage mit sich führen. |
|
| 86 Obgleich wir
die Notlage der hiesigen Flüchtlinge zu würdigen wissen und ihr
Bestreben, so viele Nahrungsmittel wie nur möglich mit heim zu nehmen,
verstehen, müssen wir uns -- so schwer das im Einzelnen ankommen mag
-- der alten Anstandsregel erinnern, nach welcher der Gastgeber bestimmt,
was er dem Gast bei der Heimkehr mitgeben will. |
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| 87 Drei Tage Mundvorrat
reichen für die Reise in die Bestimmungsorte der britisch besetzten
Zone. Und damit erlischt die selbst auferlegte Verpflichtung der dänischen
Flüchtlingsverwaltung, der garnichts daran gelegen sein kann, unseretwegen
mit den britischen Behörden Deutschlands in Schwierigkeiten zu geraten.
Man bedenke dabei, dass sich vielleicht in Kürze neue Verhandlungen
über die Heimkehr von Flüchtlingen notwendig machen. Soll man
diese Verhandlungen erschweren, indem man sich nicht an Verabredungen hält?
Kommen so viele Millionen unserer Landsleute mit ihren kargen Zuteilungen
durch, so muss uns das nach unserer Rückkehr ebenfalls möglich
sein. |
|
| 88 Wahrscheinlich wäre die Verschärfung
der Gepäckkontrolle im Laufe der Zeit auch ohne das Eingreifen der
britischen Behörden gekommen. Warum? Weil erstens Dänemark jedes
Pfund seiner überschüssigen Lebensmittel für die Ausfuhr
nötig hat, und weil zweitens leider unter den Flüchtlingen eine
Anzahl Freibeuter sind, die sich das "Organisieren" noch nicht wieder abgewöhnt
haben. Was wurde bei der Abreise der ersten Transporte nicht alles als
"erspart" bezeichnet. Kiloweise wurden Kleinkindern und anderen wehrlosen
Flüchtlingen widerrechtlich Nahrungsmittel, Waschmittel und dergleichen
entzogen und mitgenommen. Wo hört da das "Ersparte" auf, wo geht das
"Gestohlene" an? Wer will da lange prüfen und um solche Dinge streiten,
wo in kürzester Zeit Tausende von Gepäckstücken abgefertigt
sein müssen? Da wird alles über einen Kamm geschoren, wie das
garnicht anders geht. |
|
89
Dänisches Eigentum wurde um einiger Stoffetzen oder einiger Lederstreifen
willen zerstört. Auch Flüchtlingseigentum wechselte unrechtmässig
seine Besitzer.
Wir sind uns darüber
klar, dass es sich bei diesen peinlichen Vorgängen immer nur um einen
verschwindenden Teil unserer Landsleute handelt, die noch nicht wieder
begriffen haben, dass das hässliche Fremdwort "organisieren" in gutes
altes Deutsch übersetzt einfach "stehlen" heisst. Leider müssen
die vielen Unschuldigen und Ehrlichen für die wenigen Schuldigen leiden. |
|
| 90 Hinzu
kommt nach den übereinsstimmenden Aussagen ernst zu nehmender Flücyhtlinge
in den Koldingschen Durchgangslagern ein ganz übles Angebertum. So
recht und billig, so wünschenswert es ist mit Rücksicht auf das
Ansehen unserer Flüchtlinge und des ganzen deutschen Volkes, Verbrecher,
Gesetzesübertreter und Schädlinge den Behörden zu übergeben,
so hässlich und Widerwillen erregend ist die Sucht, unschuldige Menschen
während oder vor der Gepäckuntersuchung bei den dänischen
Beamten zu verdächtigen, nur um sie in Schwierigkeiten zu bringen
und so eine alte Lagerrechnung zu begleichen und dem Widerpart kurz vor
der Trennung noch eines auszuwischen. |
|
| 91
Die Angabe, die abgenommenen Lebensmittel wurden nicht der menschlichen
Ernährung zugeführt, stimmt. Erstens sind sie meistens zu alt
oder sonstwie beschädigt. Zweitens sind sie oft mit gebrauchtem Bettzeug
oder dergleichen verpackt gewesen, so dass keinem Fremden zugemutet werden
kann, sie zu verzehren. |
|
92
Zu 3: Der Schreiber dieser Zeilen hat einwandfrei gestgestellt, dass keinem
Flüchtling bei seiner Heimkehr rechtmässig erworbenes deutsches
Eigentum abgenommen wird, auch nicht wenn es sich um Fahrräder, Rundfunkgeräte,
Schmucksachen oder gesammelte Briefmarken handelt.
Aber keiner möge sich
täuschen. "Organisierte" Wolldecken und ähnliche Dinge sind Diebesgut
und werden als solches erkannt. |
|
| 93 Zu 4:
Das Gepäck wird in Anwesenheit der Eigentümer durchsucht. Versuche,
es in Abwesenheit der Flüchtlinge zu tun, wurden von den dänischen
Behörden als unzuträglich erkannt und abgestellt. Das Gepäck
wird so sorgsam wir möglich behandelt. Die bei der Kontrolle beschäftigten
deutschen Flüchtlinge klagen allerdings sehr über die Haltung
eines grossen Teils der männlichen Heimkehrer, die nicht Hand anlegen,
um die Abfertigung reibungslos zu gestalten. Die deutschen Angehörigen
der Arbeitsabteilung beklagen sich bitter darüber, dass sie bei ihrer
schweren Arbeit nicht nur keine Hilfe finden, sondern von den ungeduldigen
Flüchtlingen wie Knechte behandelt und beschimpft werden. |
|
94
Nun kann man sich freilich denken, dass die meisten Heimkehrer ihre letzten
guten Kleidungsstücke angezogen haben, um sauber und ordentlich heimzukommen.
Aber trotzdem. Ein Wenig mehr guter Wille, Rücksichtnahme aufeinander,
Hilfsbereitschaft und Gemeinschaftssinn dürfte am Platze sein und
brauchte der Kleidung nicht zu schaden.
Nach Aussagen aller Beteiligten
wird das Gepäck auf dem ganzen Wege bis in das deutsche Lager ordentlich
verladen und bewacht. Bisher wurde kein Verlust bekannt. |
|
95 Zu 5:
Die Unterbringung in einem Durchgangslager ist derzeit unwohnlicher als
in einem Stammlager, da sich ja niemand Mühe gibt, es für ein
paar Tage wohnlich zu machen. Das hätte auch seine Schwierigkeiten,
da alles, was einen Wohnplatz gemütlich machen kann, wohlverpackt
im Güterschuppen liegt. Dem Schreiber dieser Zeilen wurde von vielen
Flüchtlingen unaufgefordert gesagt, die Unterbringung in Kolding sei
besser als im Stammlager.
Das Essen ist ausreichend,
schmackhaft und gut zubereitet, wie durch unangemeldete Entnahme einer
Mittagsmahlzeit und die Aussagen aller befragten Heimkehrer bewiesen wurde. |
Angående punkt 5:
At bo i en gennemgangslejr er så længe det varer ikke så
hyggeligt som at bo i en stamlejr, eftersom jo ingen gør sig umage
for at gøre det hyggeligt for et par dage. Det ville også
være vanskeligt, for alt det, der kan gøre et logi hyggeligt,
ligger godt pakket ned i godsvogne. Den, der skriver disse linier, fik
uopfordret af mange flygtninge at vide, at logiet i Kolding er bedre end
i deres stamlejr.
Maden er tilstrækkeligt, tilberedt
velsmagende og godt, hvilket blev bevist ved, at jeg uanmeldt fik serveret
et middagsmåltid, og gennem alle de adspurgte hjemsendtes udsagn. |
| 96
Zu 6: Damit kommen wir zum wichtigsten Punkt: Die Unsauberkeit des Durchgangslagers.
Was
der Berichterstatter auf diesem Gebiete gesehen hat, spottet jeder Beschreibung
und ist ganz einfach unwürdig und skandalös. Wer an die Ordnung
und Reinlichkeit der übrigen deutschen Flüchtlingslager in Dänemark
gewöhnt ist, steht dem Zustand in Kolding ungläubig und fassungslos
gegenüber. |
Angående punkt 6: Dermed
kommer til nu til det vigtigste punkt. Gennemgangslejrens urenlighed. Hvad
denne reporter har set på dette område, trodser enhver beskrivelser
og er ganske enkelt uværdigt og skandaløst. Den, der er vant
til den orden og renlighed, der præger de øvrige flygtningelejre
i Danmark, står vantro og målløs overfor tilstanden
i Kolding. |
| 97 Die Abtritte, meist
jene für Frauen, sind stellenweise bis zum Eingang so mit Schmutz
und Exkrementen beschmiert, dass man sie nicht betreten, geschweige den
benutzen kann. |
Toiletterne, især dametoiletterne,
er stedvis oversmurt med skidt og ekskrementer helt frem til indgangen,
og det i den grad, at man ikke kan komme ind i dem, endsige da benytte
dem. |
98 Spül-
und Waschwasser werden nicht in die dazu bestimmten Abflüsse und Kloaken
gegossen, sondern ganz einfach aus Barackentüren und Fenstern geschüttet.
Mitten auf den aufgeweichten Wegen kann man Speisereste herumliegen sehen,
die mehr als halbe Mittagsmahlzeiten ausmachen.
Der Feuerteich ist so von
Unrat angefüllt, dass er bei einem Brande nicht gebraucht werden kann.
Die Plätze und Wege im Lager sind unsauber.
Die Arbeitsmannschaft ist über
diese Zustände empört und verzweifelt, kommt aber gegen die Schmutzerei
eines Teils der Heimkehrer nicht auf. |
Skyllevand og vaskevand
bliver ikke hældt ud i de dertil bestemte afløb og kloaker,
men simpelthen smidt ud af barakdørene og vinduerne. Midt ude på
de opblødte veje kan man se spiserester ligge og flyde, som udgør
mere end halvdelen af et middagsmåltid.
Branddammen er i den grad
opfyldt med skidt, at den ikke kan bruges i tilfælde af brand. Pladserne
og vejene i lejren holdes ikke rene.
Arbejdsmandskabet er oprørt
og fortvivlet over disse tilstande, men kan ikke stille noget op mod svineriet
fra en del af de tilbagevendende. |
| 99 Landsleute.
Landsleute! So geht das nicht. Einige wenige Schmutzfinken verderben, was
guter Wille und Anstand der grossen Mehrheit gutmachen könnten. Nie
fallen die Guten und Anständigen auf. Aber die Schmach und Schande
der männlichen und weiblichen Schweineigel fällt auf uns alle,
auf unser ganzes Volk. |
Landsmænd! Landsmænd!
Dette må ikke blive ved. Nogle få lejrsvin ødelægger
alt det, som det store flertals gode vije og anstændighed ville medføre.
Det er jo aldrig de gode og anstændige, man lægger mærke
til. Men forsmædelsen og skammen fra de mandlige og kvindelige lejrsvin
falder på os alle, på hele vort folk. |
| 100 Der
Zustand im Durchgangslager ist die letzte Visitenkarte, die wir Deutschen
in diesem Lande hinterlassen. Sollen wir uns zu allem andern Elend auch
noch nachsagen lassen, wir seien unsauber und verlottert? |
Tilstanden i gennemgangslejren
er det sidste visitkort, som vi tyskere efterlader i dette land. Udover
al den anden elendighed, vi har påført, skal det så
også hedde sig, at vi er urenlige og forsumpede? |
| 101
Da es nun aber leider nicht möglich ist, die Schmutzfinken und Strolche
beiderlei Geschlechts, die sich unter uns befinden, in den wenigen Tagen
im Durchgangslager noch zu erziehen, schlage ich vor, die Guten und Ordentlichen
unter den Flüchtlingen bestimmen -- am liebsten noch vor der Abreise
aus dem Stammlager, spätestens jedoch bei der Ankunft im Durchgangslager
-- Obleute, die in ihrer Baracke während der Dauer des Aufenthalts
in Kolding für den Zustand dieses Lagers verantwortlich sind. |
Da det nu desværre
ikke er muligt at opdrage de lejrsvin og vagabonder af begge køn,
der er iblandt os, i løbet af de få dage i gennemgangslejren,
foreslår jeg, at de gode og ordentlige blandt flygtningene udvælger
-- helst endnu før afrejsen fra stamlejren, senest ved ankomsten
til gennemgangslejren -- nogle formænd, der i deres barak er ansvarlige
for lejrens tilstand under opholdet i Kolding. |
| 102 Sie setzen einen freiwilligen Ordnungsdienst
ein, an dem sich jeder, der um das Ansehen unseres Volkes besorgt ist,
nach Kräften beteiligt. Nur so wird es glücken, einen einigermassen
tragbaren Eindruck zu hinterlassen. |
De indsætter en frivillig ordenstjeneste, hvor enhver, som vort
folks anseelse ligger på sinde, kan deltage efter som han eller hun
har kræfter til. Kun således kan det lykkes os at efterlade
et nogenlunde tilforladeligt indtryk. |
103
Und nun zum Schluss: Auf der Fahrt von Kolding zur Grenze wurden wohlmeinende,
menschenfreundliche dänische Begleiter rüpelhaft angepöbelt
und verhöhnt.
Wir meinen: Wer es schon
nicht über sich bringt, sich bei den Vertretern des dänischen
Gastvolkes für Verpflegung, Unterkunft und Betreuung zu bedanken,
der sollte zumindest höflich schweigend den Hut ziehen, wenn er dieses
Land verlässt. |
Og nu til slut: På
rejsen fra Kolding til grænsen blev velmenende, menneskevenlige danske
ledsagere udskældt og forhånet ganske tølperagtigt.
Vores mening er: Den, der ikke
kan få sig selv til at sige tak til repræsentanterne for det
danske værtsfolk for forplejning, logi og forsorg, han burde i det
mindste holde sin mund og tage hatten af, når han forlader dette
land. |
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