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Aus den "Deutschen Nachrichten" |
Fra den tyske avis |
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Om de enkelte lejre |
Deutsche Nachrichten 1946 Nr 44
vom 25. November 1946 |
Deutsche Nachrichten 1946 nr 44
fra 25. november 1946. |
Wochenschwatz #1.
Separatismus, Partikularismus, Föderalismus. Konrad Goth, Hjardemaal,
#14. Antwort: #21.
Wer hat recht? Walter Kabrowski, Knivholt. #31.
Eine Bärengeschichte. Frau Elsi Dyszelewski, Aalborg. #34.
Deutschlands Arbeiter vor dem Wiederaufstieg. Sekr Poul Hansen,
#35.
Mensch, Volk und Staat. Gerhard Weber, Grove-Gedhus. #39.
Wie stelle ich mir eine ideale deutsche Jugendbewegung vor? #49.
1. Brief, von Günther Thomas, Aalborg: #50.
2. Brief, von Horst Nötzig, Hasselø. #61.
3. Brief, von Willy Hinz. #71.
Erziehung zum Neuen Denken. von Erich Görndt. #86. |
Ugens passiar
Separatisme, partikularisme, føderalisme.
Hvem har ret?
En bjørnehistorie.
Tysklands arbejder foran genopstigningen.
Menneske, folk og stat.
Hvordan forestiller jeg mig en ideel tysk ungdomsbevægelse?
Opdragelse til ny tænkemåde. |
| 1 Wochenschwatz von Jochen Spatz |
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| 2 Liebe
Landsleute. Natürlich werden sie uns leben lassen, die Siegermächte,
allen Alarmnachrichten zum Trotz, die uns aus Deutschland erreichen. Sie
werden das vieleicht nicht um unserer schönen Augen willen tun, sondern
aus allgemeingültigeren Gründen. Zu diesenGründen brauchen
wir nicht einmal die aus veilchenblauem Glauben geborene Behauptung zu
rechnen, Völker könnten nicht ausgerottet werden. Da gibt es
schon allerlei Mittel, dieses zu tun. Und der Mensch ist auf diesem Gebiete
nicht zart besaitet, wie uns die Geschichte der Menschheit lehrt. Wo sind
den die Babylonier geblieben, die Assyrer und andere Träger hoher
Kulturen? |
|
| 3 Völker
lassen sich nicht nur ausrotten, sondern durch Misshandlung, Unterdrückung
und Ausbeutung derartig missgestalten, dass sie bis zur Unkenntlichkeit
verkümmern, wenn man nur gründlich zu Werke geht. Beweist nicht
das Schicksal der Griechen und Römer, welch hohe Kunstfertigkeit der
Mensch auf diesem Gebiete erworben hat? Und hätte das Dritte Reich
mit dem totalen Herrschaftsanspruch einer entmenschten Führerhorde
genügend Zeit gefunden, so wären zumindest Polen und Juden vor
den Augen der Mitwelt buchstäblich aus unserm Gesichtskreis verschwunden. |
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| 4 Dieser
Vorgang wäre nicht einmal ohne Beispiel in der neueren Geschichte
unseres Planeten -- "der schönsten aller Welten" -- gewesen. Denn
bei der Ausbreitung unserer abendländischen Kultur, bei der Vernichtung
von Kolonialvölkern, sind die robusten Kulturträger Spaniens,
Hollands, Englands, Frankreichs, Deutschlands und auch Amerikas durchaus
nicht schüchtern gewesen. Nicht nur Azteken und Indianer sind von
der Erdoberfläche ausgetilgt worden. |
|
| 5 Doch
gerade aus diesen Vorgängen kann man den tröstlichen Schluss
ziehen, dass die heutigen Sieger das deutsche Volk leben -- und zwar menschenwürdig
leben -- lassen werden. Denn überall, wo grosse Völker vernichtet
wurden, ist gleichzeitig der Kulturkreis untergegangen, zu dem sie gehörten.
Jede Kultur ist die vielzackige Krone einer Gemeinschaft von Trägern.
Die Edelsteine in ihren Zacken leuchten nur, wenn einer vom andern sein
Licht erhält. Wird einer herausgebrochen, so löst sich der Zauberkreis
ihres Glanzes,und alle müssen erblinden. |
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| 6 Nun
zählen aber, trotz aller äusserlichen Unterschiede, die Sieger
zum gleichen Kulturkres, dem auch wir geschlagenen Deutschen angehören.
Wer bewusst auf den Untergang, auf die Barbarisierung Deutschlands hinarbeitete,
würde -- ob er das will oder nicht -- die ganze abenländische
Kultur in Frage stellen, so wie sie virher durch Hitler in Frage gestellt
worden ist. Das wäre Selbstaufgabe. Denn dieser Kultur droht von aussen
her keine Gefahr. Nur von innen her ist sie bedroht, von ihren eigenen
Trägern. |
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| 7
Sie werden uns leben lassen. Kein Volk wäre menschenreich genug, Deutschlands
Gebiete aus seinem Überschuss zu bevölkern. Was für ein
Volk sollte wohl künftig dort wohnen und schaffen? Ein Kolonialvolk
deutscher Abstammung? Ein Volk von Parias? Von Sklaven? Von Bettlern? Das
wäre nur denkbar, wenn auch die Umwelt offenen Auges mit in den Tiefstand
gerissen werden wollte, denn die Natur duldet freiwillig keine Spannung.
Wird ihr der Weg versperrt, sucht sie den Ausgleich durch Katastrophen. |
|
| 8 Das
was ja gerade die sündhafte Vorstellung Hitlers, seiner Vorgänger
und seiner Helfer, man könne die Menschheit straflos in Herren- und
Sklavenvölker aufteilen. Hat man uns nicht gesagt, es sei der Sinn
des Krieges gewesen, diesen Wahnwitz, der mit der Unentrinnbarkeit eines
Naturgesetzes zum Niederbruch des gesamten Abendlandes geführt hätte,
zu verhindern? |
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| 9 Ja. Das
hat man gesagt. Und zweifellos auch gemeint. Gegenwärtig aber hat
man den Eindruck, als sei dieses Ziel über den Alltagssorgen der Siegermächte
vergessen worden, als habe sich jeder Staat auf den Grundsatz zurückgezogen:
"Nach uns die Sündflut!" Als gäbe es nur ein Gestern und Heute.
Als könnte das heutige Sorgenkind der Völkerfamilie nicht morgen
zum hilfreichen Freunde und Bruder werden. |
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| 10 Allen
Völkern von Moskau bis Washington, von Sidney bis Pretoria, gleichgültig
ob sie ihre Wirtschaftsform kapitalistisch oder sozialistisch heissen,
ist am Bestande des grossen Erbes gelegen, das wir alle gemeinsam aus dem
klassischen Altertum und dem Christentum übernommen haben: die Kennzeichen
unseres Menschentums. Darin liegt unsere Hoffnung und unser Trost, gleichzeitig
aber auch unsere Verpflichtung als Deutsche. |
|
| 11 Unser
Heimat ist heute, vom Rhein bis an die zerfetzten Gefilde unserer Ostgrenzen
hin, von den friesischen Inseln und der Ostsee bis an die Alpen, heimgesucht
von Sorge und Trauer, Verwüstung und Not. Wir wissen, es konnte nicht
anders sein, nachdem uns die teuflichen Kräfte des Führertums
auf den Abweg gedrängt hatten, der in den Niederbruch führen
musste. |
|
12 Aus dieser Erkenntnis leiten wir heite
des Recht ab, den Siegern zu sagen: Ihr wolltet Deutschlands Verderber,
die Feinde der Kulturwelt ausrotten, nicht aber unser Volk. Ihr habt versprochen,
uns leben une schaffen zu lassen. Erfüllt euer Wort, auf dass wir
insere Pflicht erfüllen können an Deutschland, an Europa und
an der Welt!
Das Recht, so zu sprechen, kann
uns niemand bestreiten, denn es ist das Recht des Selbsterhaltungstriebes,
der allem Lebenden innewohnt. |
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13 Unsere
Pflicht aber ist, uns einzureihen, mit ehrlichem Willen und ohne Hintergedanken.
Deutschland mit der Kulturwelt und nie wieder gegen sie. Das wird der Zauberspruch
sein, der den blutrünstigen Spuk der Vergangenheit und den Fluch der
Gegenwart überwindet.
Ihr weissen Völker! Lasst uns leben!
Gebt uns in euerm Kreise Platz,
mit euch nach Recht und Glück zu streben.
In diesem Sinne Jochen Spatz. |
|
14 Separatismus, Partikularismus, Föderalismus
Im Rheinland einen Rheinstaat
gebildet, Pfalz, Koblenz, Trier usw., Sonderbestrebungen in Hannover, Bayern,
Württemberg und Baden u. a. nehmen es als selbstverständlich
an, in ihre Eigenbrödelei und ihren Partikularismus zurückzufallen.
-- Da haben wir es! -- Fehlt nur noch, dass alle die kleinen und kleinsten
Fürstentümer wie Reuss jüngere -- und Reuss ältere
Linie, Schleiz, Greiz, Lobenstein und wie sie heissen, sich auch noch rühren,
dann haben wir es wieder geschafft, Dutzende von Staaten innerhalb Deutschlands,
und wenn diese dann vielleicht so gnädig sind oder sein wollen, wird
ein deutscher Staatenbund gegründet. |
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| 15 Die deutsche Geschichte ist dann ja wieder
zurückgedreht worden statt vorwärts. Die Ausländer haben
ganz recht, wenn sie das deutsche Volk als Michel mit den Schlafmütze
über den Ohren versinnbildlichen. Dabei hat das deutsche Volk ein
so gutes, ja allerbestes Beispiel an anderen Staaten, wie Frankreich, England,
Italien u. a., die sich alle auch erst zum Einheitsstaat haben durchkämpfen
müssen. |
|
| 16 Wenn man diese Völker fragen würde,
ob sie in ihren früheren Zustand zurückkehren möchten, würden
sie einm sicher verständnislos ansehen und für verrückt
erklären. Nur das deutsche Volk bekommt es immer wieder fertig, zurückzuschielen
und nach dem ewig Gestrigen zu langen. Statt, wie ich annehme, -- wie alle
einsichtsvollen Menschen danach zu streben, -- den deutschen demokratischen
Einheitsstaat zu schaffen und mit aller Energie für Verwirklichung
eines solchen Zieles sich einzusetzen. |
|
| 17 Nein, da wird wieder alles verzettelt und
verdorben, denn nur durch Einigkeit und Einheit können wir viel eher
aus dem Chaos heraus, können allmählich gesunden und den Schaden,
den wir dem Auslande zugefügt haben, wieder gutmachen. Eines liegt
doch bei einem Staatenbund klar auf der Hand innerhalb Deutschlands: Erstens
sagt der Eine hüh, und er andere hott, jeder bemüht sich, seiner
Sonderinteressen zu hegen und zu pflegen und durchzusetzen. Kann dabei
was Gutes herauskommen? |
|
| 18 Zweitens, wir sind ein sehr armes Volk geworden
und werden jahrzehntelang schwere Lasten tragen müssen, man bedenke
doch, was für ungeheure Mehrkosten ein Vielstaat verursacht, die das
Volk durch direkte und indirekte Steuern aufbringen müsste. Jeder
Staat hat dann wieder sein eigenes Ministerium und eine eigene Extraverwaltung,
dazu kommt dan noch der ganze Reichsapparat mit allem Drum und Dran, so
dass mehr wie doppelte Unterhaltungskosten dabei herauskommen. Dies müsste
doch jedem denkenden Menschen einleuchten, und er müsste sich sagen,
weg mit aller Eigenbrödelei und einem Staatenbund der dies bedingt. |
|
| 19 Nein, wir wollen einen deutschen demokratischen
Einheitsstaat und nichts anderes. Deswegen braucht man doch dem Eigenleben
dieses oder jenen deutschen Stammes nicht zu nahetreten, sondern kann es
respektieren. |
|
20 Alle Deutschen
mussen an einem Strang zighen und in engverbundener Gemeinsamkeit zusammengehen
und zusammenarbeiten, dann werden wir wieder Erpriessliches schaffen und
schaffen können, und langsam und allmählich aus unserer grossen
Not herauskommen und die Achtung des Auslandes erwerben. Das Andere bedeutet
nur Schwächung, Wurstelei und ewiges Siechtum.
Dem deutschen Volke nur Rettung naht,
Durch deutsch-demokratischen Einheitsstaat.
Konrad Goth,
Lager Hjardemaal. |
|
| 21 Herr Goth scheint bei seiner Betrachtung
drei Dinge in einen Topf zu werfen: den Separatismus, den Partikularismus
und die gegenwärtige Versuch zur Durchführung von "Zonenreformen".
Diese Versuche sind -- soweit sich das von aussen her überschauen
lässt -- sehr wenig vom Willen der deutschen Bevölkerung abhängig.
Die entsprechenden Massnahmen sind im grossen und ganzen von den Besatzungsmächten
oktroyiert, wobei allerdings nicht übersehen werden darf, dass sie
unter tätiger Mithilfe verantwortlicher deutscher Politiker beraten
und durchgeführt worden sind, die schon früher Anhänger
und Befürworter einer "Reichsreform" waren. |
|
| 22 Was bisher in dieser Richtung geschehen ist,
braucht nicht von vornherein als rückschrittlich oder fortschritthemmend
bezeichnet zu werden, sofern man die Möglichkeit einer späteren
"Abrundung" und "Neugestaltung" der bisher geschaffenen "Länder" durch
eigene Beschlüsse der in Frage kommenden Gebietsbevölkerung voraussetzen
darf. Die bisher vorgenommenen Änderungen sind wohl grösstenteils
aus dem Zwange der Notwendigkeit entstanden, die Zonenverwaltung zu vereinfachen.
In allen vier Zonen finden sich neben preussischen Provinzen und Provinzteilen
selbständige Staaten. |
|
| 23 Die Durcheinander musste naturnotwendig die
Verwaltung der besetzten Gebiete durch Kompetenzstreitigkeiten erschweren.
Im Hinblick auf die spätere Gestaltung des Reiches ist die Vorsicht
zu begüssen, mit der die Besatzungsbehörden an ihre "Reformen"
gegangen sind. Der einfachste Weg für sie wäre gewesen, alle
alten Grenzen innerhalb der Zonen zu beseitigen und einheitlich zentralistisch
verwaltete Gebiete zu schaffen. Das hätte -- bei längere Besatzungsdauer
-- die Gefahr der Entfremdung der einzelnen Zonen in besorgniserregender
Weise nahegerückt. Diese Gefahr wird durch die anscheinend erstrebte
"organische Gliederung" gemindert. |
|
| 24
Was ist bisher geschehen? In der französisch besetzten Zone hat man
den "Rheinstaat" geschaffen, in der amerikanisch besetzten den Staat "Gross-Hessen".
Die Briten haben in der von ihnen besetzen Zone drei "Länder" eingerichtet:
"Nordrhein-Westfalen", "Niedersachsen" und "Schleswig-Holstein". Damit
ist die Zahl der selbständigen Staaten in der britisch besetzten Zone
nicht vergrössert worden. Im Gegenteil, Oldenburg, Braunschweig und
Lippe sind in der grösseren Einheit "Niedersachsen" aufgegangen. |
|
| 25
Ein Hintergedanke bei dieser Art "Reichsreform" ist fraglos, die Vorherrschaft
Preussens in Deutschland zu brechen. Ob dieses Bestreben als wünschenswert
oder verwerflich betrachtet wird, hängt vom Standpunkt des Beurteilers
ab. |
|
| 26 Die Frage,
ob "Deutscher Einheitsstaat" oder "Föderative Reichsgestaltung" ist
so alt wie die Debatte über die Einheit Deutschlands. Der deutsche
Partikularismus hat bei der Gestaltung Deutschlands immer eine unheilvolle
Rolle gespielt. Kein deutscher Staat hat auf diesem Gebiete seinen Nachbarn
etwas geschenkt. |
|
| 27
Man muss die Entwicklungsgeschichte des Reichsgedankens prüfen, wenn
man zu diesen Fragen Stellung nehmen will. Der Gedanke zentralistischer
Einheit findet im deutschen Volke wahrscheinlich wenig Gegenliebe. Auch
der Schreiber dieser Zeilen sieht in ihm kein Ideal, denn die Gefahr der
"Gleichschaltung" und "Uniformität" ist zu gross, als dass sie die
Vorteile möglichst weitgehender Selbstverwaltung aufwiegen könnte. |
|
| 28 Auch
andere Staaten sind föderativ gestaltet und trotzdem leistungsfähig.
Die Vereinigten Staaten von Nordamerika sind ein Bund von 48 souveränen
Staaten. Das britische Imperium ist im weitesten Sinne des Wortes föderativ
zusammengeschlossen. (Irlands Haltung während des letzten Krieges!) |
|
| 29
Die Schweiz ist ein Bund souveräner Kantone. Und die Sowjetunion ists
nominell -- der Name sagt es aus -- ein auf föderativer Grundlage
geschaffener Bund freier Sowjetrepubliken, von denen einige sogar -- selbständige
Vertreter am Verhandlungstisch der "Vereinigten Nationen" (UNO) haben. |
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30 Daraus ist
zu schliessen, dass der Föderalismus als Staatssystem durchaus leistungsfähig
ist. Bei aller Ablehnung des deutschen Partikularismus sollten wir uns
nicht gegen eine organische Gestaltung Deutschlands sperren.
Dass jeder Deutsche
den Separatismus als Verrat ablehnt, versteht sich am Rande.
Jochen Spatz. |
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31 Wer hat recht?
Knivholt
Werter Herr Spatz!
Als wöchentlicher Leser der
Deutschen Nachrichten sehe ich, dass Herr Friedrich Gangin, Lager Fraer,
mit dem Inhalt des Artikels aus Nr. 16 der Deutschen Nachrichten "Die Grossen
und die Kleinen" von Herrn Aloys Kampa, Oksböl, konform geht (46-16#58).
Es ist mir unverständlich, wie Herr Kampa als langjähriges Parteimitglied
diesen Artikel verfassen kann. Sollte er etwa der Meinung sein, dass er
hier in Dänemark unbekannt ist? |
|
| 32 So will ich ihm, der in Danzig seit 1940
in leitender Stellung beim Landwirtschaft Gau Danzig - Westpr. Abt. Hausbrandkohlen
tätig war, sagen, dass er in Ringe (Fünen) seine Bekannten hat,
die mit ihm auf dem Landwirtschaftsamt geschäftlich zu tun hatten,
ferner ist hier im Lager Herr Kaufmann Hermann Wiens, Käsemark, der
ebenfalls bezeugen kann, dass Herr Kampa stets das Parteiabzeichen getragen
hat. Es ist doch wohl selbstverständlich, dass bei einem Landwirtschaftsamt
in leitender Stellung nur Parteimitglieder eingesetzt wurden, oder ist
Herr Kampa heute anderer Meinung? |
|
33 Falls ihm diese Zeugen noch nicht genügen
sollten, so ist hir in einem benachbarten Lager seine langjährige
Mitarbeiterin Fräulein Neu, die dieses auch noch bestätigen will.
Vielleicht geben Sie, Herr Spatz, auf Grund meiner Zuschrift Herrn Kampa
die richtige Antwort.
Hochachtungsvoll
Walter Kabrowski
Knivholt -- Bez. 32 Baracke 124
Frederikshavn. |
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34 Eine Bärengeschichte
Wir haben unsern Lesern einen Bären aufgebunden
und darum folgenden Brief erhalten:
Werte Redaktion.
Bei der Veröffentlichung Ihres
"Waschbärenbildes" in Nr. 40 ist Ihnen ein Irrtum unterlaufen. Es
handelt sich hier um den Malay Kragenbären, den wir auch im Königsberger
Tiergarten hatten, keinen lustigen, sondern sogar ziemlich bösartigen
Gesellen, dunkelbraun bis schwarz mit einer gelblichweissen Kragenzeichnung
auf der Brust (wie Bild zeigt). Der Waschbär dagegen ist ein mittelbrauner,
kleiner Geselle, 40-50 cm gross. Den Namen hat er daher, alles Essbare
erst im Trinkwasser zu waschen, bevor er es verspeist. Wird nicht im Freigehege,
sondern im Käfig gehalten.
Dies zu Ihrer gefl. Kenntnis bestens
grüssend
Frau Elfi Dyszelewski,
aus Königsberg (Pr)
Flygtningelejren Thistedvejen,
Baracke 6 Zimmer 117. |
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35 Deutschlands Arbeiter vor dem Wiederaufstieg
war das Thema eines Vortrags, den der Folketingsmann, Sekretär
Poul Hansen, im dänischen Radio hielt. |
|
| 36 Die Frage, ob im
deutschen Volke Wille und Kräfte genug vorhanden sind, um ein demokratisches
Deutschland aufzubauen, beantwortete er bejahend. Er sprach von dem Widerstand
der deutschen Arbeiter gegen Hitler, bis 1933 die Sozialdemokratie verboten
wurde. Er sprach von dem unterirdischen Widerstand der folgenden Jahre
und von dem zähen Willen des Wiederaufbaues auf sozialistischer Basis.
Dieser Wille macht sich selbst bei den Leitern geltend, deren Gesundheit
während des Aufenhalts im Konzentrationslager zerstört wurde. |
|
| 37 Poul Hansen
wies auf die unermesslichen Schwierigkeiten hin, die überwunden werden
müssen, um Deutschland aus dem wirtschaftlichen und sozialen Chaos
herauszubringen. Man erwartet, dass die Arbeiterbewegung den Weg zeigen
wird. Aber die Probleme können nur hier duch sehr radikale Eingriffe
gelöst werden. An sich aber sind die Besatzungsmächte nicht sehr
stark interessiert. Sie wollen Deutschland zu einem Landwirtschaftsland
machen, andererseits haben sie ein Drittel von Deutschlands Ackerboden
im Osten weggenommen. |
|
| 38 Während 10 Millionen besitzlose Deutsche
aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn ins Reich hineingepresst werden,
halten die Westmächte das Eigentumsrecht aufrecht und besetzen leitende
Posten der Verwaltung durch Männer des alten kapitalistischen Systems.
Die Schlussbemerkung Poul Hansens, Deutschlands Arbeiter müssen fair
play bekommen in ihren Bemühungen, war auf Grund der geschilderten
Tatsachen mehr eine Hoffnung und ein Wunsch, als eine Wirklichkeit. |
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39 Mensch, Volk und Staat
"Das Höchste und Heiligste im menschlichen
Leben ist der Dienst am Volke, an der Nation. Führung und Gefolgschaft
dienen nur dem einen Grossen, Unabänderlichen: der Tradition der Väter,
der historischen Überlieferung. Das Volk ist ewig und durch das heilige
Erbe der Urväter unlösbar mit Blud und Boden verbunden. Das Reich
ist tausendjährig und von der Vorsehung zum Herrschen auserkoren.
Für die Fahne im Kampfe zu fallen ist die höchste Ruhmestat eines
Mannes". |
|
| 40 Dies sind einige
der Phrasen, die dazu benutzt wurden, der rechtswidrigen Tyrannei einer
kleinen Kapitalistenclique den Anstrich ethischer Berechtigung zu verleihen
und die dem Zweck dienen sollte, die Urteilskraft des Einzelnen zu lähmen
und in seinem Unterbewusstsein Gefühle, die den Staats- und Gottbegriff
unklar miteinander verknüpfen sollten, hervorzurufen. |
|
| 41 Ein Volk aber, das sich in Kultur und Geistesleben
als führend bezeichnet, muss sich solcher Gedangengänge zweifellos
schämen, denn eine Weltanschauung, die auf solchen primitiven Gefühlen
basiert und jeder Logik entbehrt, ist eines Menschen, der die Fähigkeit
hat klar zu denken, unwürdig. |
|
| 42 Um sich
eingehender mit dem Wesen des Staates zu befassen, wird man sich zuerst
die Frage vorlegen müssen; In welchem Verhältnis stehen Mensch
und Staat zueinander? |
|
| 43 Es ist sicher,
dass der Mensch schon lange ehe an die Begriffe Staat, Volk oder Nation
überhaupt gedacht wurde, existierte, und dass diese sich erst viel
später aus bestimmten Notwendigkeiten heraus, die eine Folge der Entwicklung
der Menschheit als Gattung waren, entstanden. Denn der Mensch ist ja aus
biologischen Gründen -- körperlicher Unterlegenheit und geistiger
Überlegenheit dem Tier gegenüber -- gezwungen, in Gemeinschaften
zu leben. |
|
| 44 Wenn nun aber viele Individuen so eng zusammenleben,
dass sich ihre Interessenkreise überschneiden, so müssen bestimmte
Regeln im Verkehr miteinander aufgestellt werden -- wir nennen sie Gesetze
-- denn jeder muss Rücksicht auf den anderen nehmen. Hier gibt es
nur zwei Möglichkeiten: Entweder regiert der Stärkste indem er
die Gesetze für gültig erklärt, die seine Macht stützen,
oder regiert die Gesamtheit durch das Mitbestimmungsrecht des Einzelnen. |
|
| 45 Diese nennt man Demokratie. Wird nun die
demokratische Gemeinschaft so gross, dass nicht jeder Einzelne mitreden
kann, so müssen Sprecher für die verschiedenen Meinungsgruppen
gewählt werden, die dann zusammen beraten, welche Gesetze für
die Gemeinschaft gelten sollen. Wie wir also sehen, besteht der Staat in
keinem Falle "an und für sich" um seiner selbst Willen, -- sondern
er ist ein Werkzeug, dass sich die Einzelmenschen geschaffen haben, weil
sie es zum geordneten Leben brauchen. |
|
| 46 Es kann
daher auch niemals eine Situation geben, in der nicht der Mensch das Primäre
und der Staat das Sekundäre wäre. Es gibt kein grösseres
Gut, als das menschliche Leben, und sowohl in der Staatsgemeinschaft als
auch im Zusammenleben der Völker kann es nichts geben, was wichtiger,
grösser oder gar heiliger wäre, als die Erhaltung des menschlichen
Lebens, denn das Werkzeug kann ja nicht wertvoller sein als sein Schöpfer,
der es schuf. |
|
| 47 Wir müssen
uns darüber klar werden, dass wir -- jeder Einzelne -- das Geschick
des Staates in der Hand haben, dass das, war er tut, von uns getan wird,
und dass wir -- Du und ich -- die Verantwortung für alles tragen,
denn ohne Dich und mich kann der Staat nichts aufbauen, und ohne Dich und
mich kann der Staat keinen Krieg führen . -- |
|
48 Das harte Los, welches wir heute zu tragen
haben, verdanken wir in erster Linie dem Umstand, dass wir bisher dem Werte
des Einzelmenschen nicht die nötige Achtung entgegengebracht haben.
Darum wollen wir in der Zukunft nie vergessen: Im Vordergrund steht
der Mensch als Individuum und seinen Bedürfnissen dienen der Staat,
das Gesetz, die Wirtschaft, die Kunst und die Wissenschaft.
cand. med. Gerhard Weber,
Grove-- Gedhus 11. |
|
49 Wie stelle ich mir eine ideale deutsche
Jugendbewegung vor?
Wir veröffentlichen die ersten Antworten,
die wir aus den Lagern erhielten, und bitten Jungen und Mädel um weitere
Artikel. Die Frage, wie eine kommende deutsche Jugendbewegung aussehen
soll, wird auch in Deutschland erörtert. Es gibt viele Meinungen;
es ist aber Sache der Jugend, ihr Schicksal selbst zu gestalten. Deswegen
bitten wir um offene Meinungsäusserungen, so dass alle dazu Stellung
nehmen können. Die Jugend hat das entscheidende Wort! |
|
50 Erster Brief
Werte Redaktion!
Da Sie in einer der letzten Nummern
der "Deutschen Nachrichten" einen Aufruf an die Jugend erliessen, sich
an dem Motto: "Wie stelle ich mir eine ideale deutsche Jugendbewegung vor",
zu beteiligen, möchte ich meine freie Meinung dazu äussern. Ich
wäre sehr erfreut, wenn ich meinen Artikel in der nächsten Nummer
finden würde, ebenso das anschliessende Gedicht "Kameraden der Zeit"
Freundlichen Gruss
Günther Thomas,
Aalborg Vestre Allee. |
|
| 51 Endlich liege
das Kartenhaus des Nationalsozialismus am Boden, und mit ihm endete Hitlers
verrückter Gedanke des "Weltimperialismus". Somit verschwanden auch
die einzelnen Stützen dieses Regimes und werden hoffentliche für
immer verschwunden bleiben. Doch welche Wege wäre die deutsche Jugend
gegangen? Wir hätten es kaum geahnt, wie dieser verhängnisvolle
Weg eines Tages zu Ende gegangen wäre. War es nicht unser Oberhaupt,
Baldur von Schirach, der auf Nürnberg die Antwort gab: Ich habe die
Jugend in den Abgrund geführt. |
|
| 52 Das war
die Vergangenheit. Wir haben uns nicht sehr mit Ruhm bekleckert. Aber wie
wird die Zukunft für uns ausfallen? Welchen Weg muss die Jugend gehen,
um ein besseres Dasein zu führen? Wann wird wohl die Stunde kommen,
wi wir unsern Nachbarn im Osten und Westen, im Norden und Süden die
Hand schütteln werden mit den Worten: Wir wollen zusammen arbeiten,
wir wollen einen gemeinsamen Weg einschlagen, der uns allen einen glücklichen
Frieden gewährt. Die Frage der Zukunft ist schwankend. Da beruht aber
nicht darauf, wie viele vielleicht meinen, dass die deutsche Jugend durch
den Nationalsozialismus grundweg verdorben ist. |
|
53 Nein, die Jugend ist noch nicht dem Untergang
geweiht. Gewiss wird ein bestimmter Prozentsatz dabei sein, der noch heute
für Adolf Hitler marschieren würde, aber dieser Teil ist nicht
ausschlaggebnd. Der Durchschnitt ist noch ziemlich gut erhalten geblieben
und wartet nur darauf, dass ihm der Weg gewiesen wird, der uns alle in
eine bessere Zukunft führt.
Und hier taucht die erste Schwierigkeit
auf, Wer wird Deutschlands Jugend in die Zügel nehmen und richtig
führen? |
|
| 54 Die Jugend
braucht Führer und Vorbilder. Sie schaut immer auf Dinge, die sie
begeistert, die ihr Können und Streben aufs Spiel setzen. Die Jugend
ist leicht für etwas zu begeistern, wenn nur dass Vorbild die Sache
von der richtigen Seite aus anpackt. Dann kann die Möglichkeit bestehen,
dass auch der erste Teil, der immer noch schwankende, die Reihen der anderen
Kameraden schliessen wird. |
|
| 55 Und nun
zum eigentlichen Thema. Im neuen demokratischen Deutschland muss auch für
die Jugend ein neuer Grundsetin gelegt werden. Es ist selbstverständlich,
dass eine neue Jugendbewegung erstehen muss, denn gerade auf den Schultern
der jungen Generation lastet Deutschlands Zukunft. Die neue deutsche Jugendbewegung
muss in der Hand erfahrener, demokratischer Männer liegen, die sich
gleichzeitig für ihre jungen Kameraden einsetzen und somit auch die
Verantwortung über ihr Handeln tragen, jedoch nicht für jeden
Einzelnen. |
|
| 56 Die "Freie
Deutsche Jugend" findet sich in Gemeinschaftsabenden zusammen, wo sie gleichzeitig
im demokratischen Sinne erzogen wird. Die Grundlage hierzu liefern passende
Vorträge und vor allem praktische Beispiele im täglichen Leben,
im Leben des Volkes und im Leben der Völker untereinander. Die
Jugend muss von dem Gedanken des Hitlerregimes loskommen, sie muss sich
festklammern an neuen Idealen, die sie als eine echte deutsche Jugend kennzeichnen. |
|
| 57 Die neue Bewegung muss erzogen werden
im Kameradschaftsgeist, in Opferbereitschaft und Treue, in Gehorsam und
Pflichtbewusstsein und in Freundschaft mit ihren Nachbarländern. Der
barbarische Gedanke des Krieges, des Völkerhasses, der gegenseitigen
Unzufriedenheit, muss langsam ausgerottet werden. |
|
| 58 Und nicht
nur die Erziehung darf der Masstab zu allem sein, die neue deutsche Jugend
muss aus sich selbst heraus die Ideale eines wahren menschlichen Daseins
erkennen und sie anstreben. Ja, aus sich selbst heraus müssen sie
dieses tun, denn es ist meine persönliche Überzeugung, dass tief
im Herzen der echten deutschen Jugend noch diese Ideale schlummern, und
nur die richtige Behandlung ist dazu nötig, um sie zu neuem Leben
zu erwecken. Noch ist es Zeit, noch ist die Jugend nicht abgestumpft, nicht
moralisch und geistig zugrunde gerichtet. |
|
| 59
Die richtige Behandlung verspricht viel. Nicht nur Gesetze tragen zur guten
Erziehung bei, nicht der monotone Klang der Worte: Du musst ... stuert
ans richtige Ziel, nein, die Jugend sehnt sich nach Freiheit, nach Abwechslung
und schönen Stunden. Fahrten und Wanderungen könnten dazu beitragen,
fröhliche Stunden in Gemeinschaftsabenden und daneben Bastelstunden
und Modellbau. Frei muss die Jugend sein und doch beseelt von dem Gedanken,
für sich und Deutschland eine bessere Zukunft zu schaffen, die zum
Frieden und zur Freundschaft mit der übrigen Welt führt. |
|
60 Und nun, Glück
auf, deutsche Jugend, mit fröhlichem Mut an die Arbeit und mit lachenden
Blick in die Zukunft geschaut. Nur nicht jammern, nur nicht verzagen, Kopf
hoch und vorwärts.
Glück auf, freie deutsche Jugend.
Günther Thomas,
17 Jahre,
Aalborg, Vester Allé |
|
61 Zweiter Brief
Sehr geehrte Redaktion.
Ich bin kürzlich sechszehn Jahre
alt geworden. Als die Kapitulation erfolgte, war ich also vierzehn Jahre.
Ich hatte mich bis dahin wenig, eigentlich überhaupt nicht mit dem
Nationalsozialismus als Idee beschäftigt. Er war da und das genügte
mir vorläufig. Ich persönlich lernte ihn ja auch nur durch den
Dienst in der Hitler-Jugend kennen. Es gefiel mir im Jungvolk und ich ging
gern hin und damit war die Sache für mich erledigt. Anders nach der
Kapitulation. Die ersten Wochen nach der Kapitulation hier in Dänemark
verfiel ich in eine regelrechte Stumpfsinnigkeit, die mir alles gleichgültig
sein liess. |
|
| 62 Ein Ideal war mir zerbrochen und ich dachte,
keines wieder zu finden, denn ich hatte auch den guten Willen dazu, weil
ich mir vorgenommen hatte, nie wieder irgend einer Jugendbewegung beizutreten.
Erst als Ende Juni ein Exemplar der "Deutschen Nachrichten" noch illegal
in unser Lager kam und ich darin las, begann ich zu begreifen, dass es
auch noch andere Ideale gäbe. Da fing ich an, mich mit dem Nationalsozialismus
auseinanderzusetzen. Ich erkannte Fehler und Schwächen desselben,
da es mir aber an Gleichgesinnten fehlte, mit denen ich mich darüber
hätte unterhalten können, fiel es mir zunächst schwer, mich
durchzuringen. |
|
| 63 Allmählich, als die "Deutschen Nachrichten"
regelmässig kamen, und ich infolgedessen etwas Material in den Händen
hielt, begann ich einzusehen, dass es doch wichtig ist, wieder eine deutsche
Jugendbewegung zu gründen. So habe ich heute eingesehen, dass beim
Nationalsozialismus grobe Fehler begangen worden sind. Diese Erkenntnis
fiel mir sehr schwer, denn es ist bestimmt schmerzlich, einen Fehler, den
man in dem Bewusstsein, etwas Gutes und Schönes zu tun, begangen hat,
einzusehen und zu bekennen. |
|
| 64 Als ich Ihre
Notiz in den "Deutschen Nachrichten" las, ergriff mich eine unbeschreibliche
Freude. Ich fühlte plötzlich, dass er doch noch Menschen gibt,
die mit der deutschen Jugend fühlen, Verständnis für sie
haben und die ihr auch helfen wollen, auf neuen Wegen, neue Ideale zu finden.
Denn nicht alle meine Kameraden sind heute schon so weit, dass sie sagen
können, ich habe alles Alte abgestreift und mich innerlich davon freigemacht. |
|
| 65 So ist es, wie Sie ja auch schon in Ihre
Zeitungsnotiz erwähnen, eine der wichtigsten Aufgaben, eine Zukunft
für die deutsche Jugend aufzubauen. Dies geschieht am besten durch
eine Jugendbewegung, deren vornehmlichsten Aufgabe es ist, in der deutschen
Jugend den Hang zum Guten und Schönen wieder hervorzurufen. Es steckt
nämlich in jedem jungen Deutschen noch ein guter, anständiger
Kern. Wenn dieser auch noch so klein ist, wie ein kleines Korn nur, so
ist er immer noch gross genug, dass es sich lohnt um ihn zu kämpfen. |
|
66 Ich persönlich
stelle mir eine "Ideale Deutsche Jugendbewegung" folgendermassen vor.
Die Grundbedingungen sind
1) dass sie, wie schon der Titel sagt, auf rein idealer Grundlage aufgebaut
wird,
2) dass sie auf jeden Fall freiwillig ist, d. h. dass niemand gezwungen
wird, ihr beizutreten. -- |
|
| 67 Die Jugendbewegung
müsste nach aussenhin ein geschlossenes Ganzes bilden, das aber in
verschiedene Gruppen unterteilt wird. Die Führer, oder besser Leiter
dieser Gruppen können von den Jugendlilchen in freier Wahl gewählt
werden. Weiter könnte man meinetwegen einteilen, eine Gruppe, die
sich mit Kunst (Musik, Malerei und Dichtkunst) beschäftigt, eine andere
wieder mit Sport, noch andere mit Botanik, andere mit Singen, Werkarbeit
u. s. w. Die Sportgruppen wiederum könnte man nach den verschiedenen
Sportarten einteilen. Der, bezw. die Jugendliche, tritt also der Jugendbewegung
bei und sucht sich die Gruppe aus, die ihren Interessen entspricht. Selbstverständlich
werden Jungen und Mädchen innerhalb der kleineren Gruppen getrennt.
Sonntags machen die Gruppen dann gemeinsame Wanderungen, oder, wenn die
Zeiten sich wieder gebessert haben und Jugendherbergen für Übernachtungen
frei sind, werden übers Wochenende Ausflüge gemacht. |
|
| 68 Es wird ab und zu einmal ein Stück eingeübt
und gespielt; dabei können die Gruppen untereinander wetteifern, wobei
man die beste Gruppe mit einem Preis auszeichnen wird, denn das spornt
ja bekanntlich an. Es könnte ja auch innerhalb der Gruppen mal ein
kleines Fest veranstaltet werden, die Älteren (16 bis 18 Jährigen)
lernen vielleicht innerhalb der Jugendbewegung tanzen. Auch Elternabende
fände ich sehr nett. -- |
|
| 69 Was immer eine innere Harmonie hervorruft,
sind selbstausgestaltete Weihnachtsfeiern, wie Feierstunden überhaupt.
-- Das waren bisher fst ausschliesslich unterhaltende Seiten, aber auch
der Ernst des Lebens muss in der Jugendbewegung zum Ausdruck kommen. So
wird den Jugendlichen vielleicht einmal die Demokratie oder der Kommunismus
klar gemacht, es wird ein schönes Buch gemeinsam gelesen und besprochen,
etwas Weltanschauung getrieben, der Unterschied zwischen Diktatur und andere
Regierundsformen herausgestrichen und so weiter. -- |
|
70 So, das wäre das,
was ich mir unter einer "idealen deutschen Jugendbewegung" in groben Zügen
vorstelle.
Mit dem Wunsche, bald etwas über
die neue deutsche Jugendbewegung zu hören, verabschiede ich mich für
heute von Ihnen
Horst Nötzig,
Hasselö -- Falster -- Lager 12-01 |
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71 Dritter Brief
Sehr geehrte Schriftleitung der "Deutschen Nachrichten"!
Sie bitten um Zuschriften über das Thema
Wie stelle ich mir eine ideale deutsche Jugendbewegung vor? |
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| 72 Ich stelle
sie mir zunächst einmal ganz anders vor, als alle Jugendvereine und
Bewegungen, die ich bis jetzt kennengelernt habe.Als 26-Jähriger darf
ich mich wohl noch trotz Verheiratung und 2 Kinder als zur Jugend gehörig
betrachten. Ich kenne die bündische Jugendbewegung, die Stahlhelmer
Jugend, die Landknechtformationen, ebenso aich die konfessionellen Vereinigungen,
den CVJM (dem ich selbst angehörte( und war Mitglied der Hitlerjugend. |
|
| 73 Gerade die Hitlerjugend versuchte es besonders,
dem Jugendlichen die Überzeugung zu geben, dass sie die ideale Lösung
einer Jugendbewegung sei. Sie scheute deswegen nicht davor zurück,
skrupellos Gedankengut, Lieder und Spiele der bündischen Jugend, ebenfalls
zum Teil auch der konfessionellen, in entstellter Form zu entlehnen, und
trotzdem mächtig auf diese Organisationen (sie wurden alle in der
Hitlerzeit aufgelöst)1) zu schimpfen und sie zu verleumden. Deswegen
konnte mir die Hitlerjugend am wenigsten geben. Die Kameradschaft, die
Fahrtgemeinschaften, die Zeltlager waren mir von den anderen Bewegungen
her als viel schöner, und vor allen Dingen freier, in Erinnerung. |
|
| 74 Der Rest war Einimpfung der nationalsozialistischen
Weltanschauung. Einem freien Menschen wird sie stets zuwider sein. Es trat
soviel Gegensätzliches in Erscheinung, dass man als denkender Mensch
irre werden konnte. Die Kameradschaft, Brüderlichkeit und saubere
Handlungsweise wurden in den Heimabenden der Hitlerjugend innerhalb der
Gemeinschaft als Pflichten eines echten Nationalsozialisten hingestellt,
und trotzdem galt es als erstrebenswerte Haltung und Zeichen von Mut und
Tapferkeit, wenn Hitlerjungen auf Befehl und auch ohne in meiner Heimatstadt
Danzig ahnungslose Juden auf den Strassen niederschlugen, jüdische
Geschäfte und Speiselokale zertrümmerten, und als ganz besondere
"Leistung" (die eine Beförderung eintrug) in die Synagoge eindrangen
und jüdische Kultgegenstände verunreinigten und zerstörten. |
|
| 75 Schon damals, es war 1936, rief diese unversöhnliche
Haltung und die Hasspredigten gegen das Judentum, vor allem gegen einzelne,
mir von anderen erwachsenen Menschen als |
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| mangler |
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|
| 78 des Marschierens, der hellen Fanfaren und
dumpfen Landsknechtstrommeln sind vorüber, und sollen nicht wiederkehren.
Unsere Jugend hat genut marschiert, exerziert und strammgestanden. Die
Fertigkeiten am Maschinengewehr und im Handgranatenwerfen werden uns keine
Freunde im Ausland. Deutschland hat den Krieg verlogen. Warum? -- Nicht
weil die Jugend duch den grausamen Hass und die Knechtung der Meinung uns
die Feindschaft der ganzen Welt zuzugen und trotz unstreitbarer kämpferischer
Höchstleistungen, die einer besseren Sache würdig gewesen wären,
verlieren mussten. |
|
| 79 Zumal, wie sich heute nachweisen lässt,
der Krieg garnicht notwendig gewesen und Hitlerdeutschland der Angreifer
war. Es ist geschehen und wir sind zu der Einsicht gekommen, dass eine
Beibehaldung der Naziidee unsere heutige Lage nicht verbessern, und dass
diese Idee auch furchtbar schlecht zu den Anschauungen passt, die ein Goethe,
Schiller, ein Lessing und Kant, es gibt viele Namen deutscher Geistesheroen,
der Welt als Deutschtum vermittelt haben. Wir wollen das Land der Dichter
und Denker sein, Wegbereiter der Humanität, gläubigster Christen
Europas, ein Luther ist in Deutschland geboren, und können darum den
Hass nicht lieben. |
|
| 80 Unsere Jugend muss in die Welt hinausgehen,
arbeiten und lernen das Gute, Menschenfreundliche, Versöhnende behalten
und weitergeben, den Hass und das Vorurteil ablegen und vor allen Dingen
im friedlichen Wettstreit beweisen, dass wir gewillt sind, in Zukunft anständige
Menschen mit ungeheurem Arbeitswillen zu sein. Nicht Atombomben und Kriegwerkzeuge
wollen wir erfinden, sondern Mittel gegen unheilbare Krankheiten und Ideale
suchen und vermitteln, die versöhnend auf die Völker wirken,
und der ganzen Menschheit zugute kommen. |
|
| 81 Eine neue deutsche Jugendbewegung muss
einen weiten Horizont haben und den Jugendlichen auf sein Gewissen weisen,
fern allem Zwang und aller Dogmatik, und der Fröhlichkeit ohne "Suff
und Frass" keine Schranke setzen. Greifen wir hinein in unseren herrlichen
Volksliederschatz, durchwandern wir wieder zwanglos als Wandervögel
mit dem "Zupfgeigenhansl" unser schönes, deutsches Vaterland, und
versuchen wir von unsesrem zur Zeit trocknen Stückchen Brot, dem trockenen
Karo mit Daumen und Zeigefinger belegt, noch andere Hungrige zu speisen,
weil wir reich sind an Lebensmut und Bejahung des Lebens. |
|
| 82 Ein Band soll uns alle umschlingen, das Gefühl
der Achtung vor den Mitmenschen und der Kreatur. Wir brauchen nicht um
die Gunst der Siegermächte zu buhlen, amerikanischer Jazz muss nicht
unsere Herzensmusik sein, ebenso wenig macht die Beherrschung der englischen
Sprache und Nachahmung englischer Gewohnheiten einen vertrauenswürdigen
Menschen aus uns; nein, es kommt auf die Grundlad an, die Herzensbildung
und den Willen, auch andere Menschen als wir, mit uns fremden Sitten und
Gebräuchen, leben zu lassen und nicht gleich bekämpfen zu wollen. |
|
| 83 Der Herrgott hat nicht nur Deutsche erschaffen
und vor seinem Throne gilt ihm ein Jude genau so viel wie ein Deutscher.
Der Masstab kann nur die Tüchtigkeit und der Segen sein, den seine
Arbeit der Allgemeinheit, sprich ganzen Welt, bringt. Legen wir unsere
Vorurteile ab, seien wir nüchtern und zweckmässig, wenn es gut
Beschlüsse zu fassen, und begeistert im Wollen, andern uns nahestehenden
und auch fremden Menschen Freude und Frohsinn zu bringen. Der sei unser
Vorbild und Führer, der selbst der Fröhlichste und Tüchtigste
unter uns sei, wer uns lernen kann, begeistert zu arbeiten und doch nicht
müde zu werden. Wer an bereitwilligsten sein Brot mit uns bricht und
seine Schlafstatt mit uns teilt, soll uns belehren, wie man anderen Menschen
helfen kann. |
|
| 84 Und die schönste Tat dürfte wohl
die Errettung eines Menschenlebens vor dem Tode sein. Diese Ideale könnten
die Glaubenssätze einer idealen Jugendbewegung sein, die nicht völkisch
und starr gebunden ist, sondern über die Grenzen hinans Achtung und
Liebe der ganzen Welt gewinnt und die Besten aller Nationen einaner näherbringt,
zum Austausch von Meinungen und Fertigkeiten, die jedem Menschekn zugute
kommen können. |
|
85 Nicht
der Hass, sondern die Liebe soll der Grundstock unseres Handelns sein,
und der Wille, der Fleissigste der Fleissigen zu werden, um Deutschland
auf dem friedlichen Wege der Völkerverständigung und Achtung
gegeneinander im Jahrhundert des Friedens vielleicht schöner und reicher
zu machen als durch alle Kriege.
Willy Hinz. |
|
86 Erziehung zum neuen Denken
von Erich Görndt.
12 Jahre lang haben wir unter
dem ausschlisslichen Einfluss eines autoritären Sustems gestanden.
Gegenwartsaufgabe ist es, die Schäden, die dadurch in der geistigen
Struktur unseres Volkes entstanden sind, wieder auszugleichen. |
|
| 87
Diese Arbeit muss schon bei unserer Jugend beginnen. Das Entgegenkommen
unserer dänischen Gastgeber hat es ermöglicht, in den deutschen
Flüchtlingslagern ein Schulwesen aufzubauen, das völlig nach
deutschen Richtlinien und Bestimmungen aufgezogen ist. Es ist selbstverständliche
Höflichkeitspflicht, das dankbar anzuerkennen. Der Aufenhalt in den
Lagern braucht für unsere Jungen und Mädchen nicht mehr verloren
Zeit zu sein. In den Lagerschulen kann unsere Jugend sich Wissen und Fertigkeiten
erwerben, um beim Wiederaufbau unseres vom Kriege zerstörten Vaterlandes
mitarbeiten zu können. |
|
| 88 Die Vermittlung
von Wissen und Fertigkeiten aber ist nicht die einzige Aufgabe der Schule.
Sie würde ihrem Auftrage, unsere Jugend zur späteren Mitarbeit
in der Gemeinschaft der Menschen zu befähigen, nicht gerecht werden,
wenn sie nicht auch die charakterliche Entwicklung planmässig auf
die Gemeinschaft hinlenkte. |
|
| 89 Über die
Wege zu diesem Ziele herrsch noch nicht Klarheit. Dazu ist die Aufgabe
nach 12 Jahren des Zwanges zu neu. Aus den besten Absichten heraus begann
man z. B. im Unterricht über Demokratie zu sprechen. Die verschiedenen
Staatsformen, autoritäte wie demokratische wurden gegenübergestellt
und bewertet. Man sprach über Monachien, Ständesherrschaften,
Diktaturen und Demokratien der Gegenwart. An anderer Stelle packte man
die Aufgabe historisch an und gab einen geschichtlichen Rückblick
über die Entwicklung der Regierungsformen Deutschlands. Auch die Zeitung
wurde herangezogen, und ihre Lektüre sollte demokratischer Erziehung
dienen. |
|
| 90 Ganz besonders interessant war der Versuch,
durch die Kunst, z. B. die "Sonette Haushofers", demokratisch zu erziehen.
Alle die aufgezählten Wege sind aufs höchste anzuerkennen. Sie
zeugen von bestem Streben nach einem hohen Ziel. Trotzdem scheint es mir,
als wenn die geschilderten Bemühungen weder Schüler noch Lehrer
recht befriedigt haben. Es ist um die geschilderte Art demokratischer Erziehung
stiller geworden. |
|
| 91 Woran
liegt das? An dem besten Willen fehlt es von keiner Seite, und die beschrittene
Wege sind jeder für sich äusserst wertvoll. Wenn die Ergebnisse
trotzdem nicht recht befriedigen wollten, so liegt das an einem grundsätzlichen
Denkfehler. Demokratie ist keine Wissenschaft, die man lehren und erlernen
kann. Sondern Demokratie ist eine Lebensform, die man nur ausüben
kann. Wohl sine staatsrechtlige Belehrungen über die verschiedenen
Formen, in denen ein Staat regiert werden kann, wichtig, und selbstverständlich
soll im Geschichtsunterricht an gegebener Stelle darüber gesprochen
werden. Und selbstverständlich muss unsere Jugend aus der Geschichte
unseres Vaterlandes auch die Staatsformen kennen, denen das deutsche Schicksal
anvertraut war. |
|
| 92 Der Wert der Zeitung im Unterricht soll unbestritten
sein. Es erübrigt sich, über den Wert guter Kunst in der Schule
ein Wort zu sagen. Jedes der genannten Kulturgüter kann ein wertvoller
Mosaikstein zur demokratischen Erziehung sein. Aber so wenig die kostbarsten
Perlen eine Kette bilden, solang sie nicht auf einen Faden gereiht sind,
so wenig wird das Wissen um die genannten Dinge allein genügen, einen
Menschen zum Demokraten zu machen. Die Pharisäer der biblischen Geschichte
wussten sicher alle Gesetze und Sittenvorschriften ihres Landes genau und
mussten sich doch von dem unwissenden Samariter beschämen lassen. |
|
| 93 Wir müssen
auch unsere Jugend auch zum demokratischen Tun erziehen. Begonnen haben
wir in einer Schulklasse etwa so damit, dass wir jedem ausdrücklich
das Recht zuerkannten, jederzeit seine Meinung zu sagen. Das klang ganz
selbstverständlich. Wir fügten aber dann sofort hinzu, jeder
muss seine Meinung auch begründen. Wenn bei uns ein Schüler z.
B. an der Tafel steht und legt los: "Ich muss das so und so machen", oder
"Wir sollen dieses und jenes tun", klingt es erfreulich oft schon aus der
Klasse zurück: "Warum musst du da tun?" und "Warum sollen wir gerade
so handeln?" Wer vor uns mit einer Behauptung einfach hintritt, z. B. von
einer schwierigen Aufgabe im Rechenunterricht nur das Ergebnis nenne will,
dem soll es entgegentönen: "Beweise das". |
|
| 94 Das Ziel dieser Erziehung ist eine ständige
kritische Wachsamkeit aller. Jeder hat, zumindest im Film, Tiere in freier
Wildbahn gesehen, wie sie ständig auf der Hut vor Gefahren sind und
nach allen Richtungen äugen und wittern. So, ins Geistige übertragen,
sollen die jungen Menschen alles, was um sie herum geschieht und gesprochen
wird, nur nach genauer Prüfunt hingehen lassen. Nichts soll gedankenlos
hingenommen werden. |
|
| 95 Auch das, was von einer übergeordneten
Stelle, also von einer Autorität ausgesprochen wird, hat nur soweit
Anspruch auf Glaubwürdigkeit und Geltung, wie es gesunder Kritik standhält.
Dieser Kritik hat sich selbstverständlich auch der Lehrer zu stellen.
Das gilt ihm aber auch das Recht zur Kritik von seiner Seite. Verhältnismässig
rasch haben wir erkannt, dass es auch eine Kritik un der Kritik willen
gibt. Sie fördert die gemeinsame Arbeit in keiner Weise, sondern wirkt
abbauend und zersetzend. |
|
| 96 Aber alle Schüler, die wirklich vorwärts
streben, rücken von dieser Art Kritik sehr bald ab, die der Volksmund
gern mit "Meckerei" bezeichnet. Wer diesen Unterschied nicht erkennt, spricht
seinem Wollen und Können selbst das Urteil |
|
| 97 Wesentlich
schwieriger ist es schon, die Schüler zur Einsicht zu bringen, dass
es nicht nur ein Recht, sondern auch eine Pflicht zur Kritik gibt. Unsere
gemeinsame Arbeit kann nur voran kommen, wenn jeder, der etwas zu sagen
weiss, dieses auch tut. Das erfordert oft einen gewissen Mut. Es ist für
mich stets ein besonders schöner Augenblick, wenn tatsächlich
einmal ein junger Mensch aufsteht und, meist noch sehr vorsichtig, mit
seiner eigenen Anschauung herauskommt. |
|
| 98 In solch einem Augenblick üben wir eine
andere Seite demokratischen Verhaltens. So, wie jeder das unbedingte Recht
haben soll, frei und ungehindert seine Meinung zu sagen, so hat auch jeder
die genau so unbedingte Pflicht, die Meinung des andern ruhig anzuhören.
Eines ist ohne das andere nicht möglich. Gelegentlich werden wir darüber
sprechen, wie wenig Schimpfworte und Faustschläge oder gar Stuhlbeine
und Bierseidel am Wert und an der Wahrheit von Gedanken ändern können. |
|
| 99 Wenn ich einmal in meiner Klasse nur noch
als Gleicher unter Gleichen, als Kamerad unter Kameraden zu sitzen brauche,
wenn unsere Arbeit, vorzugsweise das Unterrichtsgespräch, trotzdem
zielstrebig weitergeht, und wenn ein Schüler genügt, um in hitzigen
Augenblicken die Reihe der Sprecher zu bestimmen, dann will ich zufrieden
zu mir sagen: "Das habe ich ungefähr mit meiner demokratischen Erziehung
erstrebt". |
|
| 100 Einen
Nachteil hat meine Methode allerdings. Sie kostet Zeit. Ganz besonders
lange dauert es, bis wir zu Erfolgen kommen, die auch nach aussen sichtbar
werden, mit denen wir bei Besichtigungen z. B. glänzen können.
Wenn ich mit festem Tritt aufs Katheder stiege, jeden anderen Laut in der
Klasse underbände und non dozierte, nachsprechen und nachschreiben
liesse, würde ich wahrscheinlich rascher zu den sogenannten positiven
Ergebnissen des Unterrichts kommen. |
|
| 101 Es wäre nur noch etwas Übung
nötig, und wenn ich dann einmal zeigen sollte, was wir gelertn haben,
brauchte ich nur durch Fragen auf den bekannten Knopf zu drücken und
jeder Schüler könnte dann schon wissen, was er herunterzuschnurren
hat. Und wie schön bequem ist diese Methode. Wieviel Nachdenken wird
auf beiden Seiten bei Lehrern wie Schülern gespart. Unser ganzes Volk
ist ja soeben nach dieser Methoed 12 Jahre "unterrichtet" worden. |
|
| 102 War in dieser Zeit Nachdenken nicht geradezu
unerwünscht? Ging es nicht denen am besten, die am wenigsten nachdachten?
Schnurrte nicht jede Versammlung, jeder Aufmarsch, jede Reichstagsitzung
herrlich glatt herunter? Waren die äusseren Erfolge nicht eben so
rasch wie glänzend? Nur schade, dass ein Verhalten, das ich meinen
Schülern auf diese Weise andressiere, mit ihrer inneren Entwicklung,
mit ihrer Formung zum Menschen nichts zu tun hat. |
|
| 103 Das Wissen aber, das ich ihnen nach solch
einer Blitzmethode anklatsche, würde auch ebenso schnell wieder von
ihnen abfallen. Die letzten Jahre beweisen auch diese Behauptung. Heute
weiss in Deutschland plötzlich niemand mehr etwas genaues von dem,
was wir 12 Jahre lange "gelernt und geübt" haben. Wie der Nürnberger
Prozess gezeigt hat, können selbst ehemals prominente Leute heute
nur noch sehr schlecht sich an ihre eigene Methode erinnern. |
|
| 104
Wer aber meint, er brauche sich mit dem ganzen Problem demokratischer Erziehung
überhaupt nicht zu beschäftigen, nicht nur, weil er nicht mehr
zur Schule ginge, sondern weil er von Politik überhaupt nichts mehr
wissen wolle, der gleicht einem Menschen, der bei einer Schiffskatastrophe
in furchtbarstem Sturm soeben von einem anderen Schiff im letzten Augenblick
vom Tode gerettet wurde. Auch das zweite Schiff hat schon schwersten Schaden
erlitten. Alle Hände an Bord leisten Äusserstes, um das Letzte
zu verhüten. Nur unser "kluger Mann" erklärt, er habe jetzt genug
von Sturm und Untergang und geht in die Kajüte, um vielleicht in herumliegenden
Zeitschriften zu blättern. |
|
| 105
Nein, mein lieber schiffbrüchiger Deutscher, seitdem durch die Erfindung
der Maschine sich unser Leben entwickelt hat, kann sich der Einzelne dem
Schicksal seiner Gemeinschaft nicht mehr entziehen. Es sei denn vielleicht,
er wanderte aus auf eine einsame Insel. Diese Erkenntnis mag hart und als
ein Eingriff in unsere persönliche Freiheit erscheinen. Dafür
kann uns die neue Zeit eine neue, höhere Freiheit geben, nämlich
die, in der Masse und durch die Masse unserer Mitmenschen an der Gestaltung
unseres gemeinsamen Schicksals mitzuarbeiten. Auch dies ist nicht nur ein
Recht sondern acuh eine Pflicht. |
|
| 106 "Quäle
dich mit Politik, sonst quält die Politik dich", heisst es unerbittlich
für jeden von uns, gleich ob Mann oder Frau. Oder wollen wir allen
unsern üblen Erfahrungen zum Trotz in bequemer Gleichgültigkeit
wieder warten, bis einer oder eine kleine Clique uns die Arbeit an der
Gestaltung unseres Schicksals abnehmen? Einmal sind wir mit unserer Bequemlichkeit
im politischen Denken in Versailles gelandet. |
|
| 107 Trotzdem liessen wir uns die gleiche Arbeit
nur gut 2 Jahrzehnte später ein zweites Mal abnehmen. Es war ja wieder
so bequem, zu sagen: "Der Führer wird es schon machen". Wohin wir
dieses Mal mit unserer Bequemlichkeit gekommen sind, erleben wir gegenwärtig
so grausig, dass uns eine Steigerung unmöglich scheint. Welche Schrecken
uns ein dritter ähnlicher Versuch bringen würde, kann keine Phantasie
voraussehen. Sicher ist nur, dass wir wider "Kanonen statt Butter" bekämen. |
|
| 108 Wer will das? Sicher niemand. Nur der Weg,
wie wie von Wunsch des einzelnen zum Beschluss kommen, der für unser
ganzes Volk gilt, ist uns fremd; denn in Wirklichkeit hat unser Volk nicht
nur in den vergangenen 12 Jahren unter Diktatur gestanden sondern hat,
abgesehen von der kurzen Episode der Weimarer Republik seit Jahrhunderten
in politischer Unmündigkeit gelebt. Darum ist jetzt Erziehung zur
Demokratie für unser Volk eine Lebensfrage. |
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| 109 Die
Worte "Demokratie" und "demokratisch", um die sich die ganze geschilderte
Erziehungsarbeit dreht, wollen wir nur ganz sparsam gebrauchen, damit sie
nicht zu Schlagworten werden. Bei uns, während des Unterrichts in
der eingangs geschilderten Klasse sind sie fast gar nicht zu hören.
Auch das ist Absicht. Schlagworte haben ihre Gefahren und ich fürchte,
gerade unser deutsches Volk hat in der letzten Vergangenheit gezeigt, wie
leicht wir bereit sind, Schlagworte an die Stelle eigenen Nachdenkens zu
setzen. |
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