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Aus den "Deutschen Nachrichten" |
Fra den tyske avis |
Einzelne Lager |
Om de enkelte lejre |
Deutsche Nachrichten 1946 Nr 41
vom 4. November 1946 |
Deutsche Nachrichten 1946 nr 41
fra 4. november 1946. |
Wochenschwatz #1.
Die Rechte des Sanitätspersonals #12. |
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| 1 Wochenschwatz von Jochen Spatz |
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2 Liebe
Landsleute. Ein dithmarscher Bauer hat mir erzählt, was er über
die ostdeutschen Flüchtlinge denkt, die in seiner Heimatgegend angesiedelt
wurden.
Erst lobte er sie. "Tüchtige
Arbeiter", sagte der. "Manch anschlägiger Kopf ist darunter. Man kann
mit ihnen zufrieden sein." |
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3 Dann
aber stockte er. Ich merkte, er wollte nicht recht mit der Sprache heraus.
Darum erminterte ich ihn nach Kräften.
"Sehen Sie", wand er sich. "Wir dithmarschen
Bauern verstehen doch unseren Kram, nicht wahr? Schliesslich haben wir
ja seit Menschenaltern gezeigt, was vir können, oder nicht?"
"Ihr seid stolz", lachte ich.
"Das ist doch jeder, der seine Arbeit versteht.
Oder nicht?" |
|
4
"Freilich", gab ich ihm zu.
"Na, sehen Sie", meinte er. "Was würden
die Landsleute aus dem Osten sagen, wenn wir dort hingekommen wären
und hätten einfach dazwischengeredet?"
"Man darf wohl nicht zu empfindlich sein".
"Natürlich nicht. Aber sie sind manchmal
frech. Und das wurmt uns."
"Na, na". |
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| 5 "Jawohl.
Sie sagen, wir dithmarschen Bauern seien faule Schweine. Wie trieben im
Frühjahr das Vieh auf die Weide. Im Herbst holten wir es wieder nach
Hause, stellten es in den Stall und legten uns dann aufs Ohr. Wir hätten
überhaupt keinen blassen Schimmer von richtiger Landwirtschaft. Unser
Boden sei viel zu schade für den Weidebetrieb. Die Wiesen müssten
umgepflügt werden. Da müssten Hackfrucht, Kartoffeln und wer
weis was drauf. Vor allen Dingen Kartoffeln. Die haben ja keine Ahnung". |
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6 Seht
ihr, so geht es, wenn neue Gespanne zusammengekoppelt werden. Das Einfahren
kostet Geduld und Zeit.
Da wird der eine, der ein tüchtiger,
stolzer Landwirt ist, plötzlich ein faules Schwein und der andere,
der auf seine Weise nicht weniger kann, hat auf Einmal keine Ahnung. So
lustig ein solcher Streit in ruhiger Zeitläufen sein kann, heute legt
er ein ernstes Problem vor uns bloss, dessen Lösung für Millionen
Deutsche zur Lebensfrage geworden ist. Wir können es uns wahrhaftig
nicht leisten, die Ansiedlung der heimatlos gewordenen Ostdeutschen durch
solche Unbedachtsamkeiten zu erschweren. |
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| 7
Darum rate ich denen unter euch, die bei ihrer Rückkehr nach Deutschland
in bisher fremde Gebiete kommen, von vornherein zu bedenken, dass sie vermutlich
auf ungewohnte Lebensgestaltung und Arbeitsweisen, auf fremde Gewohnheiten
stossen werden. Da sollte der Ankömmling klug sein und nicht gleich
mit unerbetenen und auch unerwünschten Werurteilen kommen. Wer fremd
ist, mag still für sich prüfen,was ihm von dem Neuen, das ihm
begegnet, zusagt und was ihm missfällt. Was ihm zusagt, das mag er
loben. Was ihm missfällt, braucht er sich nicht anzueignen. Nicht
alles, was anders ist, als ihr gewohnt seid, braucht deshalb schlechter
zu sein. Und nicht alles war schon aufs feinste in Butter, nur weil es
eurer Gewohnheit entsprach. |
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| 8 Ganz
offen gesagt, würde ich, wenn ich ein Ostflüchtling wäre,
der im Westen angesiedelt werden sollte, zumindest in der ersten Zeit die
Luft ein bisschen anhalten und vielleicht auch einmal trocken herunterschlucken,
wenn mir etwas gegen den Strich ginge. Wenn ihr also hin und wieder einen
Pflock oder meinetwegen auch anderthalben zurückstecken solltet, so
fällt euch deshalb noch lange kein Stein aus der Krone. Je früher
ihr euch mit den Alteinwohnern verständigt, um so früher erkennen
sie euch als ihresgleichen an. |
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| 9 Ich kenne
norddeutsche Gemeinden, wie die Flüchtlinge aus dem Osten schon so
heimisch geworden sind, dass sie Schulter an Schulter mit den "Alteingesessenen"
im Gemeinderat sitzen und zum Teil sogar die Politik ganzer Dörfer
führend beeinflussen, zum Segen der Gesamtheit, wohlverstanden. |
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| 10 Auch Feste
feiert man schon gemeinsam, sogar bis morgens halb Fünf, bis die Sperrstunde
aus ist. Gewiss, das Bier ich noch herzlich dünn. Und Wurstbrote gibt
es auch noch nicht oft. Aber an die Musik ist kein Mangel. Und beim Tanzen
spürt man den Kummer nicht. Das wisst ihr ja selber, nicht wahr? Zumindest
in jenen lagern, in denen zuweilen das Tanzbein geschwungen wird. |
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11 Nun sollt
ihr nicht sagen, ich hätte euch schlecht gemacht. Mir war nur darum
zu tun, euch ein paar Fingerzeige zu geben, die vielleicht eure Lage ein
ganz klein wenig erleichtern könnten.
Wer sein Verhalten überlegt,
der findes leichter einen Platz
als der, der böses Blut erregt. --
In diesem Sinne Jochen Spatz. |
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12 Die Rechte des Sanitätspersonals
Verschiedene Leser haben gefragt,
welche Rechte das Sanitätspersonal hat, nachdem die neuen Ausweiskarten
ausgestellt sind. (46-40#15) Hierzu kann man
antworte, dass mit der Ausstellung der neuen Ausweise für das Gebiet
von Gross-Kopenhagen keine neuen Recht gefolgt sind. Das Sanitätspersonal
war früher freier gestellt als jetzt, da es damals in alle Lager gehen
konnte, während es jetzt nur in die Lager darf, in denen es tätig
ist, und ausserdem in allen Flüchtlingskrankenhäuser. |
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| 13
Im übrigen Lande kann dagegen die Möglichkeit, dass das Sanitätspersonal
das Lager frei verlassen darf, als ein Vorteil angesehen werden. Diese
Bestimmung hat Kritik erweckt und Veranlassung zu Missverständnissen
auch zwischen dem Sanitätspersonal gegeben. Wir wollen darum erläutern,
welches der Grund für diese Bestimmungen ist: |
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| 14 Man hat
gewünscht, dem Sanitätspersonal nach der Arbeitszeit Gelegenheit
zu einem Spaziergang ausserhalb des Lagers zu geben, um die notwendige
Entspannung und Erholung für die anstrengende Arbeit, die ja die Pflege
kranker Personen ist, zu finden. Aber dabei ist dem Sanitätspersonal
nicht gestattet, deutsches oder dänisches Geld zu besitzen, und es
ist ihnen weiterhin nicht gestattet, andern Umgang mit dänischen Staatsbürgern
zu haben, als der Dienst in der Flüchtlingsfürsorge notwendig
macht. |
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| 15 Diese
Bestimmungen sind dem Sanitätspersonal in einem besonderen Schreiben
zur genauen Kenntnis gebracht. Da der Missbrauch der Karten ernste Konsequenzen
nach sich zieht, kann man nichts anderes sagen, als dass die besondere
Stellung, die das Sanitätspersonal einnimmt, im Hinblick auf den Umfang
der besonderen Stellung und die Art der Arbeit die das Sanitätspersonal
leistet, als berechtigt angesehen werden muss. |
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16 Warum verzögert sich die Heimkehr?
An die Deutschen Nachrichten.
Es ist mir allmählich klar geworden,
dass dieses Frage- und Antwortspiel in der Rubrik "Der Leser hat das Wort"
zu nichts führt, schon deshalb, weil zwischen dem Schreiben eines
Artikels und der Kritik durch die Leser fast ein halbes Jahr vergehen kann.
Und wenn auf meinen Artikel in der Nr. 24 ein junger Mann aus Gr.... aus
meinen vielen Fragen wahllos ein paar herausnimmt, die er offenbar nicht
einmal richtig gelesen hat udn dementsprechend falsch kritisiert, dann
ist der Erfolg nur der, dass über seine Entgegnung ein grosses Gelächter
erschallt. Man hat den Eindruck, als ob der gute Mann nur mal seinen Namen
in der Zeitung lesen wollte. |
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| 17
Fragen kann ja jeder Laie, aber das Antworten und Kritisieren sollte man
doch denen überlassen, die etwas von Politik verstehen. |
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| 18
Nein, so kommen wir nicht weiter! Erst recht nicht, wenn, wie in der Nummer
34, mit schweren Kalibern geschossen wird. Ich bin gewiss mit vielen Ausführungen
des Herrn Spatz nicht einverstanden, aber ich bewundere die Lammesgeduld,
mit der er auf die scharfen persönlichen Angriffe reagiert. Geschimpft
wurde im dritten Reich ja eigentlich genug (allerdings auch vorher), wollen
wir es jetzt nicht mal mit Ruhe versuchen? |
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19 Das, was in
vielen Wochen in den Deutschen Nachrichten gefragt und geantwortet wurde,
würde in einer einzigen Versammlung, bei freier Aussprache, mit wesentlich
grösserem Erfolg durch einen tüchtigen politischen Redner behandelt
werden.
Und was liest man sonst noch in der
Zeitung bezw was nicht? |
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| 20 Erfreulicherweise
liest man jetzt häufiger etwas ausführlicher über die Zustände
in der Heimat (Aufbau der Wirtschaft usw.). Ebenso erfreulich ist es, dass
man nicht mehr ewig etwas über Demokratie hört. Wer jetzt nocht
nicht weiss, was das bedeutet, dem ist auch nicht zu helfen. Und wer jetzt
noch ein Nazi ist, der kann sich getrost schon einen Baum aussuchen. |
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21 Aber ich vermisse
sehr ein Wort über die Flüchtlingsfrage. Gesagt wurde schon oft,
dass vorläufig an eine Rückkehr der Flüchtlinge in die Heimat
nicht zu denken ist, aber nicht warum das der Fall ist.
Merkwürdigerweise können
die Wehrmarchtsangehörigen nach Deutschland fahren (weil, bezw. trotzdem
die Wehrmacht längst aufgelöst ist). Ich freue mich für
sie, aber manche von ihnen stehen allein, haben keine Verbindung mit ihren
Angehörigen und reisen ins Ungewisse hinein. |
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| 22 Und wir
anderen? Es heisst, dass die Nahrungsmittelkrise der Grund ist für
die Zurückstellung der Flüchtlinge. Aber 220 000 Flüchtlinge
unter 70 Millionen Deutschen sind etwa 0,3 Prozent. Sollte es da nicht
möglich sein, bei 300 Menschen auch noch den 301. satt zu kriegen? |
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| 23 Und ist
es nicht ein grosser Unterschied, ob einer in der Stadt wohnt oder auf
dem lande, ob er auf dem Büro tätig ist oder in einer Gärtnerei,
ob er zur Miete wohlt oder ein eigenes Haus hat, ob er einen grossen Obstgarten
hat oder nicht, ob er das Glück hat in seinem Geburtsord wohnen zu
können oder nicht, ob einer verheiratet ist over nicht, ob die voneinander
getrennten Ehegatten gesund sind oder krank? |
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| 24 Warum wird
nicht von Fall zu Fall entschieden? Wenn erstmal der Anfang gemacht würde,
erstmal sagen wir 1 000 abfahren würden, die nachweisen, dass sie
in ihr Heim zu Mann, Frau, Kindern fahren könnten, dann würden
alle Flüchtlinge aufatmen. Der grösste Teil der Lagerinsassen
müsste noch hier bleiben, aber alle hätten doch die Hoffnung,
dass aus sie schliesslich an die Reihe kämen. |
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| 25 Wenn aber nichts verlautet über die
Abfahrt von hier, wenn alle ohne jede Hoffnung dahinleben, wenn viele alte
oder kranke Menschen nach all dem Furchtbaren, das uns der Krieg gebracht
hat, fürchten müssen, ihr Lieben vielleicht niemals wiederzusehen,
dann führt das zu einem Zustand grösster Verzagtheit, der viele
zur Verzweiflung bringen kann. |
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26
Wir hier in Dänemark können natürlich an den Zuständen
nichts ändern, aber in der Heimat müsste doch jemand einmal mit
der Faust auf den Tisch schlagen, um die zuständigen Stellen auf das
Flüchtlingselend aufmerksam zu machen, über dessen Grösse,
wie es scheint, sich noch niemand richtig klar geworden ist.
Dr. Block,
Lager 130,
Klövermarken. |
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27 Ich bitte um Aufnahme
des nachstehenden Artikels.
Vor einiger Zeit wurden hier im
Lager Erhebungen darüber angestellt, wer von den Flüchtlingen
eine Einreisegenehmigung nach Deutschland hat. Es sind eine ganze Menge,
die sie haben. Die Hoffnung keimt auf, dass es nun wirklich bald zurückgeht,
und die lange Trennung von den nahen Angehörigen endlich, endlich
ein Ende findet. |
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| 28
Der gesunde Menschenverstand kann es nicht begreifen, dass wir noch immer
weiter in Unfreiheit hinter Stacheldraht in fremdem Lande, von Posten bewacht,
als ungebetene Gäste leben sollen. Und dabei ist von Deutschland aus
durch die Einreisebescheinigung amtlich bestätigt, dass unsere
Rückkehr nicht im Wege steht. Unsere Angehörigen rücken
zusammen, die zusätzliche Unterkunft ist also gesichert. Wir erfahren
aus Briefen unserer Angehörigen ferner, dass sie reichlich Gemüse
angebaut und somit für den Winter vorgesorgt haben. |
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| 29 Wir lesen ferner in den Deutschen Nachrichten,
dass die Lebensmittelrationen erhöht worden sind. Wir erfahren aus
Dortmund, dass auch dort die Krise der Ernährungslage überwunden
ist. Wenn noch der dänische Staat ein übriges tun will, diejenige
Menge an Lebensmitteln -- evtl. im Wege des Austauschs mit anderen Artikeln
-- nach Deutschland zu liefern, die er durch den Fortzug der Flüchtlinge
hier erspart, so ist wirklich kein Grund mehr zu sehen, zunächst nicht
wenigstens diejenigen sofort frei zu lassen, die die besagte Einreisebescheinigung
in Händen haben, und -- der dänische Staat ist seine ungebetenen
Gäste los. |
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| 30 Von seiten
des Auslandes wird dem deutschen Volk immer wieder der Vorwurf gemacht,
dass es die Herrschaft Adolf Hitlers nicht abgeschüttelt, sich also
nicht aufgelehnt hat. Was würde man aber sagen, wenn dieses Rezept
jetzt von uns Flüchtlingen angewendet und zu einer Auflehnung gegen
unseren uferlosen Aufenthalt in Dänemark führen würde? Ist
es nicht unerträglich, wenn jetzt nach bald 1½ Jahren Zwangsaufenhalt
der Mann von der Frau, die Eltern von den Kindern unnötig getrennt
werden? Man darf über die sich hieraus ergebenden Folgerungen gar
nicht nachdenken. |
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31
Welche Gründe rechtfertigen also noch unser Bleiben in Dänemark?
Es ist klar, dass die Deutschen Nachrichten unsseren Abtransport nicht
veranlassen können, doch kann die Zeitung als Sprachrohr der Flüchtlihge
mit aller Energie bei den massgeblichen Stellen dafür eintreten, dass
unserem berechtigten Verlangen Rechnung getragen wird. Also, verehrte Zeitung,
was kannst und was wirst Du für uns tun?
Oskar Hünerasky,
Lager Klövermarken, Baracke 432. |
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32 Herr Jochen Spatz!
Was mich treibt, mit Ihnen in Debatte
zu treten, ist die vielgepriesene Demokratie. In Ihrer, oder besser gesagt
in unserer Zeitung kann man sehr viel von Demokratie lesen. Ich versuche
mich darin zu vertieren, doch in einem Punkte kann ich nicht klar sehen.
Unter Demokraiet versteht man doch Volksherrschaft, nicht wahr, Herr Spatz? |
|
33 Gehört nicht zur Volksherrschaft aber
auch die Freiheit? Wenn wir nur demokratisch erzogen werden sollen, muss
man aber auch etwas von der Demokratie spüren. Wir Flüchtlinge
in Dänemark bemerken, was Punkto Freiheit betrifft, nichts davon.
Mit Gruss
Gerda Naujoks.
Knivholt. |
|
34 An die Redaktion "Deutsche Nachrichten".
Mit Vergnügen las ich einen
Artikel unter der Überschrift: "Positive Seiten des Stacheldrahts".
Ich bitte um Abdruck dieser Antwort.
Sehr geehrter Herr Jahr!
Einen gewaltigen Sturm von natürlicher
Ablehnung und begreiflichter Entrüstung löste Ihr Beitrag vom
"positiven" Stacheldraht in unserem Lager aus. |
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| 35 Dem deutschen
Menschen möchte ich begegnen, der sich beim Anblick Ihres Stacheldrahtes
berauscht und angeregt fühlt. Oder empfinden Sie es als ein Sichprüfen
und Nachdenkenlernen, wenn man bereits über ein Jahr eingesperrt ist,
eingesperrt hinter dem verrosteten Stacheldraht, dem wir Ihrer Meinung
nach "positive" Seiten abgewinnen sollen? |
|
| 36 Sie selbst sind bestimmt
in der glücklichen Lage, sich möglichst fern vom Stacheldraht
zu halten und Ihre Lebensform zu führen. Aus diesem Grunde heraus
auch die ungezählten Ratschläge und Tips. Mich wundert es nur,
dass Sie nicht geschrieben haben: "Möge der Stacheldraht recht vielen
Flüchtlinge Freude bereiten". |
|
37 Das hätte
dem Fass den Boden ausgeschlagen!
Wenn Sie,k verehrter Herr
Jahrm ein glückliches wie zufriedenes Familienleben hinter Stacheldraht
vorziehen, abgeschirmt und isoliert von jeder kultivierten Umwelt, so sei
denn Ihr Wille!
Ich glaube jedoch, dass die restlichen
99% Deutsche in den Flüchtlingslagern, welche es sicherlich nicht
so bequem und gut haben, ein Leben in völliger Freiheit, im eigenen
Vaterland, vorziehen werden. |
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38 Oder
sind Sie der festen Überzeugung, dass man nur hinter Stacheldraht
sozial handeln und zu denken vermag?
Alfred Dammer,
Flüchtlingslager
Gedhus per Karup. |
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39 Werter Herr Spatz!
Mit grossem Interesse lese
ich immer wieder die Deutschen Nachrichten, die ja als einziges abwechslungsreiches
Schriftstück in den Flüchtlingslagern erscheinen. Mit wachsendem
Erstaunen habe ich den Nürnberger Prozess verfolgt. Man muss sich
wahrlich als ehrlicher Deutscher schämen, unter so einer Herrschaft
gelebt zu haben. Aber haben wir kleinen Leute jemals von all den Grausamkeiten
gewusst, die verübt sein sollen? Und wenn, konnten wir Einzelne etwas
dagegen sagen? |
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| 40 Sie wissen es wohl am besten, Herr Spatz,
was man mit denen tat, die ihr freies Denken zum Ausdruck brachten, nicht
wahr? Wie sollte man es fertig bekommen, sich gegen alles nazistische aufzulehnen,
wenn einem das Leben lieb war. Ich selbst habe oft grosse Auseinandersetzungen
mit der Partei gehabt und bin immer mit heilem Auge davongekommen. Fast
6 Jahre Krieg, die so mahcn einem Deutschen zur ewigen Qual geworden sind,
liegen hinter uns, unser Hab und Gut verloren, von der Heimat vertrieben
und in ein Land geraten, das uns nur als Feinde und Eindringlinge betrachtet. |
|
| 41 Es ist wahnsinnig schwer für uns hilfslose
Flüchtlinge, hier unter der Vorstellung zu leben, dass wir nur geduldete
Elemente sind, wie man sich so beliebt in Dänemark ausdrückt.
Wenn ich jetzt den Sehnsuchtsruf wiederhole, warum schickt man uns nicht
heim, so ist es im Namen aller Flüchtlinge. Ja, warum hält man
uns noch jetzt von unseren Angehörigen, die einer oder der andere
noch besitzt und endlich gefunden hat. Jede einzige Frau hat Sehnsucht,
endlich bei ihrem Manne zu sein, den sie vielleicht schon drei Jahre nicht
mehr gesehen hat, wie lange nur noch müssen wir hier hinter Stacheldraht
sitzen? |
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| 42 Und nur unsere Gedanken können über
den Stacheldraht hinaus zu unseren Lieben daheim eilen. Verstehen Sie nicht
unsere Sehnsucht? Lieben Sie nicht auch so unsere Heimat wie wir? Ewig
und immer wird uns von Demokratie gepredigt, was ist eigentlich Demokratie?
Ich merke hier überhaupt nichts davon. Hinter Stacheldraht, das Fraternisieren
mit einer dänischen Person verboten, wenn wir ins Revier gehen, müsen
2 Posten bewaffnet mit, den ½ km langen Weg mit kranken Leuten. |
|
43 Unter Demokratie stelle ich mir etwas anderes
vor. Wenn es schon sein muss und die Umstände es erfordern, dann doch
wenigstens das kleine Stück unbewaffnet zur Begleitung; wir sind doch
keine Gefangenen. Natürlich ist es keine Kunst, uns so zu behandeln,
da wir ja den Krieg verloren haben. Nur das eine wollen wir alle, so schnell
wie möglich Dänemark verlassen, in das wir so ungewünscht
reingeraten sind, und leben müssen, damit wir alle am Aufbau unserer
Heimat mithelfen können, die wir sehr lieben. Ich würde mich
sehr freuen, Herr Spatz, wenn Sie meinen Brief ungekürzt in den "Deutschen
Nachrichten" veröffentlichen würden.
In diesem Sinne grüsst Sie
Frau Gertrud Frank,
Flüchtlingslager Rye I. |
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44 An Gerda Naujoks, Gertrud Frank, Oskar
Hünerasky und Dr. Fr. Block.
Liebe Landsleute.
Nein. Man kann Gerda Naujoks und allen
andern Flüchtlinge nicht verübeln, dass sie immer wieder voll
Bitterkeit sagen: sie merkten nichts von der Freiheit. Wer hinter Zäunen
leben muss, dem fällt es schwer, den Segen der Meinungsfreiheit, Gewissensfreiheit
und Glaubensfreiheit, der uns hierzulande auch hinter dem Stacheldraht
in den Schoss gefallen ist, weil andere ihn erkämpften, zu schätzen.
Und doch ist auch diese "innere" Freiheit ein hohes Gut. Das wird Gerda
Naujoks nicht bestreiten wollen. |
|
45 Frau
Gertrud Frank, Herr Oskar Hünerasky und Herr Dr. Block fragen, warum
die Flüchtlinge bisher nicht nach Deutschland durften.
Vorerst eine Bemerkung: Es sind
nicht die dänischen Behörden, die uns nicht aus Dänemark
herauslassen wollen, sondern die Besatzungsmächte, die uns bisher
nicht nach Deutschland hineingelassen haben.
Diese Behauptung steht zwar augenscheinlich
im Widerspruch zu der Tatsache, dass viele Flüchtlinge örtliche
Zuzugsgenehmigungen bekommen haben, die oftmals sogar von einer örtlichen
Besatzungsbehörde abgestempelt sind. Die Bescheinungen wurden jedoch
bisher von den zentralen Besatzungsbehörden nicht als Einreisegenemigung
nach Deutschland anerkannt. Sie bekommen erst Gültigkeit nach dem
Grenzübertritt. |
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46 Die dänischen
Behörden haben die allergrösste Anstrengungen gemacht, um die
Haltung der Alliierten gegenüber den hiesigen deutschen Flüchtlihgen
aufzulockern. Wie Sie an anderer Stelle unserer gelesen haben, nicht ohne
Erfolg.
Die Gründe, die zu dieser starren
Haltung geführt haben, liegen auf politischem und sachlichem Gebiet. |
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47 Und trotzdem
müssen wir getrost sein. Es wird glücken, alle Schwierigkeiten
zur meistern. Wir können dazu beitragen, indem wir unsere verständliche
und berechtigte Ungeduld zügeln, statt sie an verkehrten Stellen auszulassen.
Nach langwierigen, intensiven
Verhandlungen hat man sich vorerst einmal darauf geeinigt, 12 000 in der
britischen Zone ansässige Flüchtlinge zu übernehmen. |
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48 Und wir hoffen, Herr
Dr. Block behält Recht mit der Annahme, dass alle Flüchtlinge
"aufatmen", sowie wir aufgeatmet haben, als wir diese Meldung bringen konnten.
Die Verhandlungen über die
Rückkehr der Flüchtlinge gehen weiter. Die Schwierigkeiten, die
bei der Regelung dieser Frage überwunden werden müssen, sind
gross. Aber unsere Landsleute dürfen fest davon überzeugt sein,
dass von dänischer Seite alles getan wird, um die Heimkehr aller Deutschen
zu beschleunigen.
Mit Gruss.
Jochen Spatz. |
|
49 Um Deutschlands Zukunft
4 Zonen gibt es in Deutschland, die
russische, amerikanische, englische und französische. In jeder Zone
wird daas deutsche Volk nach einem andern Schema behandelt. Die eine hält
es für so richtig, die andere für so und jeder sieht eifersüchtig
darauf, dass seine, nach seiner Überzeugung guten Entschlüsse
ausgeführt werden. Ob dabei Gutes herauskommen kann? Niemals! Frankreich
schilet nach dem linken Rheinufer und dem Ruhrgebiet. England möchte
einen deutschen Staat haben, der nicht zu schwach, aber auch nicht zu stark
ist, damit er als Prellbock seines östlichen Nachbars gebraucht werden
kann. |
|
| 50 Denn bei der Potsdamer Konferenz wurde Churchill
wohl aus bestimmten Gründen abberufen. Aus all diesen Gründen
ist es wohl klar ersichtlich, dass das bis jetzt eingeschlagene System
der 4 Zonen nicht so weiter gehen, und dass Deutschland sich aus seinem
Siechtum nicht erholen kann. Trotzdem, zugegeben, man sich in allen 4 Zonen
die grösste Mühe gibt, vorwärts zu kommen. Wie kan dem gesteuert
werden? |
|
| 51 Es müsste
nur eine einzige Zentralgewalt der 4 Mächte eingesetzt werden. Ein
General-Kommusar, oder wie er einst genannte werden könnte, sozusagen
als Treuhänder, der allein die Machtbefugnisse hat, über die
Belange der 4 Nationen zu wachen und sie allein durchsetzt. Diese Belange
könnten durch einen Obersten-Rat, welcher durch je einen Vertreter
dieser Vier gebildet wird, ausgearbeitet werden, und dienten dann besagtem
General-Kommissar als Richtschnur. |
|
| 52 So wären mit einem Schlage die 4 Zonen
ausgemerzt, und die Unannehmlichkeiten, die ja bei dem jetzigen System
zu Tage treten, trotz allerbesten Willens aufgehoben, und ein erspriessliches
Zusammenarbeiten aller, einschliesslich Deutschland, gewährleistet.
Der Wiederaufbau würde nicht mehr so gehemmt werden, der ja auch im
Interesse dieser 4 Nationen liegt, wie es zur Zeit trotz der guten Absichten
der betreffenden Mächte der Fall ist. |
|
53
Das deutsche Volk würde dann wieder mehr Vertrauen auf sich selber
haben, mehr Mut fassen, auch gegen die anderen Mächte würde sich
ihr Vertrauen stärken. Sie würden neue Hoffnung darin sehen und
ein Vorwärts nach all den Jahren des furchtbaren Schreckens und des
furchtbaren Zusammenbruchs. Es würde sie anspornen und ermutigen,
mit aller Tagkraft und Energie dahin zu arbeiten, dass so schnell wie möglich
wieder geordnete Verhältnisse in Deutschland eintreten, und es unter
einer Demokratie erst recht gesunden kann. Auch in ganz Europa würde
dann dadurch nach und nach die lang ersehnte und erhoffte Ruhe eintreten.
Konrad Goth,
Hjardemaal per Hundstrup, Jütland.
Flüchtlingslager 53-04 |
|
| 54 Herr Goth har
recht. Deutschland kann nur als Einheit wieder gesunden. Eine "Zentralgewalt"
der vier Mächte besteht ja bereits im Kontrollrat. Wir können
nur hoffen, dass die Bestrebungen aller Beteiligten, die in den Potsdamer
Beschlüssen festgelegte Einheit Deutschlands politisch und wirtschaftlich
auf demokratischer Grundlage herbeizuführen, recht bald von Erfolg
gekrönt werden mögen. Dazu gehört allerdings, dass dem deutschen
Volke Gelegenheit geboten wird, zentrale Körperschaften zu wählen,
so wie es gegenwärtig kommunale Selbstverwaltungs-Körper wählt. |
|
55 Das Kontrollrat der Alliierten würde
durch diese Wahlen in keiner Weise berührt. Und doch würde unser
Volk, wie Herr Goth schreibt, wieder mehr Vertrauen zu sich selber haben
und mehr Mut fassen, wenn man ihm baldigst erlaubte, seinen Aufbau und
Umbau in eigene Hände zu nehmen. Nur an der Selbständigkeit wächst
das Verantwortungsbewusstsein.
J. Sp. |
|
56 Ein bunter Brief
Das deutsche Volk ist in eine Sackgasse
geraten, und wir Flüchtlinge in Dänemark noch extra in einen
Hinterhof. Daher die Sehnsucht, erst wieder Anschluss an die Gasse zu finden,
um dann gemeinsam irgendwie eine Strasse zu gewinnen. Denn nur auf der
Strasse flutet das Leben mit seinen vielfältigen Forderungen und Pflichten.
Und die Erfüllung der Pflicht gibt das Bewusstsein der menschlichen
Würde und reicht jedem das tägliche Brot. |
|
| 57 Mit der Bitte allein, "Unser täglich
Brot gib uns heute" ist es nicht getan, man muss auch hoffnungsfreudig
an die Aufgaben herangehen können, welche dann das Brot jedem reichen
müssten. Für uns heisst es aber erst die Verbindung mit der Gasse
zu gewinnen. Dann wird doch irgendwo ein Obmann Mensch auch die rechte
Strasse zu finden wissen. |
|
| 58 Wir Älteren
sind auf verschiedenen Strassen zeitweilig mitgetrottelt, und auf jeder
Strasse fanden sich Rücksichtslose genug, die dem Nächsten auf
den grossen Zeh getrampelt haben. So kam das Suchen des Besseren für
morgen. Doch bei dem Suchen sind wir in die Sackgasse geraten. Und die
in den Hinterhof Verirrten haben ihre Schuhe zerrissen und stehen jetzt
fast nackt und bloss, daher das Verlangen, wenigstens auf die Gasse zu
gelagen. "Schon hören wir dort den Schusterhammer auf's Leder pochen,
da sie dort versuchen, den Füssen neue Schuhe zu beschaffen. |
|
| 59 Das Material ist leider knapp, wenn auch
eine ganze Anzahl grosser Ochsen geschlachtet wurde. So hören wir,
dass die Schuhe in sehr engem Masse verpasst werden. Die Schuhmarke heisst
aber Bodenreform! Und da sie eng sind, und manchem Genossen den grossen
Zeh drücken werden, so gebe ich dem Genosse G. Nolte -- Oksböl
Recht, man sollte sich nicht gleich verkaufen, sondern erst leihweise ausgeben.
Man kann nicht wissen, vielleicht müssen auch noch Rinder geschlachtet
werden, die Lage sich etwas ändern, und das geliehene Gut möchte
ein gegenseitiges Austauschen erleichtern. Da fürs erste die grösste
Not gebannt werden muss, ist wohl jede Arbeit recht, aber in dieser Frage
kann unmöglich das letzt Wort gesprochen sein. |
|
| 60 Die westlichen Bauern haben ebenso
mit vollem Einsatz gespielt und sinnmässig ebensoviel verloren, wie
wir aus dem Osten. Auf alten Erbpachtstellen ist garnicht zu merken, ob
der Boden dem Bauern oder dem Staat gehört. Im Memelgebiet war die
Mooskolonie "Bismarck", die auf Erbpacht wirtschaftete und dem Prinzip
nach zufrieden war. Es entspricht heute mehr der Gerechtigkeit und hilft
den Hochmut der Poritze brechen. |
|
| 61 Zum Artikel
des Herrn Waldau Oksböl muss man sich wundern, wenn er nur zwei Kühe
einkalkuliert. Nicht alle Siedlungen werden vor dem Toren der Stadt sein.
Die Landwirtschaft ist zum grossen Teil ein Transportgewerbe, und erfordert
immer kürzere und weitere Fahrten. Dann möchte so manchen Abend
der Milcheimer halbleer bleiben. Aber in einem Artikel der "Deutschen Nachrichten"
las ich, dass auch Flüchtlinge in dem Ausschuss vertreten waren. So
müsste die Grösse der Qualität entsprechen, sodass wenigstens
ein Pferd, zwei Kühe und ein Schaf als der Grundstock zu gelten hat. |
|
| 62 Besser wäre ja mit drei Kühe zu
rechnen. Man schlägt sonst im Winter die Zeit tot, ohne genügend
Einnahme zu finden. Mein Bruder hatte jahrelang im Memelgebiet auf gutem
Boden auf 23 Morgen Schulland solchen Viehbestand, aber das erforderte
gute Düngergabe und Geldreserven für das Frühjahr. Und wann
kann ein Kleinbauer in der kommende Zeit damit rechnen? Wieso rechnet Herr
Waldau zu den Arbeitskräften Kinder von 6-14 Jahren? Zwei Kinder von
12-20 Jahren wäre schin richtiger gesagt, dann könnte man auch
sein Programm mit viel Gemüsebau befolgen, um der Jugend Arbeit und
Einnahme zu verschaffen. |
|
| 63 Aber bis die Kinder so gross werden, liegt
die ganze Bürde naturgemäss auf dem Mann, als dem Ernährer
der Familie. Da muss er genau seine Zeit und Ausdauer einschätzen,
wie weit er an das Gemüse herangehen kann. Man muss damit rechnen,
dass die Frau einen alten Menschen zu betreuen, mehrere Kinder zur Schule
schicken und die Mahlzeiten besorgen muss. Und dann soll man ihre letzte
Kraft bei der Feldarbeit einkalkulieren. Während ihre Schwester, die
einen Arbeiter oder Beamten geheiretet hat, derweil im Sonnenschein und
Klee -- nach Arno Holz -- die "Flördeliese" spielen wird. |
|
| 64 Die Frau kann nur durch erhöhte Geflügelzucht
oder was sonst an den Hof gebunden, sich etwas Kleider- und Taschengelt
verdienen, ohne dem Mann die Schande zu bereiten, dass er seine Frau und
Familie nicht ernähren kann. |
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65
Mit so engen Schuhen ladet nun uns Herr Spatz auf der Strasse der Demokratie
zu lustwandeln ein. Aber auch da wird noch mancher Stein wegzuräumen
sein. Sonst kommt auch da an Stelle eines Wanderliedes wieder ein Fluch
über die Lippen. Wenn sie merken, dass trotz der Demokratie der alteingesessene
Bauer, der Beamte und der satte Bürger über sie herschen will.
Doch das ist eine Sache für sich!
Johann Szonn,
Lager Klövermarken,
Gez. IV Baracke 353. |
|
66 Zur Jugendfrage
In Anbetracht der so ernsten Lage
für die Erziehung der Jugend unseres Deutschlands, halte ich es für
erforderlich, dass die Arbeit der Jugendämter und Jugendorganisationen
schnellstens gefördert wird. Dies für Deutschland. Hier bei uns
in den Flüchtlingslagern ist es die Arbeit des Jugenderziehungsausschusses
und der Lehrkräfte, die von jedem Erwachsenen unterstützt werden
sollten. |
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| 67 Die Jugend
von heute ist nur sehr schwer nach demokratischen Grundsätzen zu erziehen,
da sie nur die Methoden des "tausendjährigen Reiches" kennt. Der abgerollte
Wahnsinnskrieg einer so erbärmlichen selbstsüchtigen Schicht
von Menschen hat unsere Jugend in den Abgrund hinabgerissen, aus dem sie
nur sehr schwer wieder herauszuholen ist. |
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| 68 Die Kinder
unserer Flüchtlinge liegen mir dabei besonders am Herzen. Sie haben
lange, lange Monate, ja man kann bald sagen Jahre, fast keine Schule, geschweige
denn Erziehung genossen. Die grösste Anzahl der Jugendlichen hat nur
noch die Mutter, welche sich mit allerlei Kleinarbeit und allerhand Gedanken
und den daraus entstehenden unerträglichen Sorgen für die Zukunst
in Deutschland täglich belastet und keine Zeit und Lust aufbringe,
ihre Kinder zu erziehen. |
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| 69 Hierfür
muss der Jugenderziehungsausschuss in den Lagern tätig sein, der die
Jugend im demokratischen Sinne erzieht, und hierfür müssen die
Lehrkräfte an den Lagerschulen tätig sein, welche den Flüchtlingskindern
die versäumten Schulaufgaben verständig und geduldig beibringen,
damit diese Jugendlichen denen in Deutschland geistig in nichts nachstehen
müssen. |
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| 70 Der Jugenderziehungsausschuss
muss sich besonders der Jugendlichen annehmen, die keinen Vater mehr besitzen.
Den der Volksschule entwachsenen Jungen und Mädchen muss Geletenheit
gegeben werden, theoretisch etwas Anständiges zu erlernen, damit sie,
wenn sie nach Deutschland kommen, sofort einen Beruf ergreifen können
und ihren Arbeitsplatz auch voll ausfüllen. Deutschland braucht, wenn
es leben will, Facharbeiter. Diese werden in Zukunft die Devisen für
die Kriegsschulden aufbringen müssen. Nur durch leistungsfähige
Fachkräfte können wir einen Teilwelthandel schaffen und die guten
Handwerkserzeugnisse ins Ausland exportieren. |
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| 71
Ich denke dabei besonders an die Ausbildung der männlichen Jugend.
Sie soll ein Handwerk erlernen, aber nicht als Handlanger und Bote verwendet
werden. Man muss den jungen Menschen schon hier im Lager in einer Berufsschule
das nötige Wissen für den späteren Beruf neben kleinen praktischen
Anleitungen geben, damit sie in Deutschland gleich in die Lehre zu einer
Firma kommen können, welche die weitere Ausbildung in zwei Jahren
vollbringen muss. Ich bin der Ansicht, dass damit ein weiterer Schritt
der Jugenderziehung begangen wäre und unserem Deutschland gute Fachkräfte
gegeben würden. |
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| 72 Ich denke mit
Schaudern an die grossen Lücken, die im Wissen der Jugendlichen vorhanden
sind und an die einseitig politische Erziehung, die in dem wahnsinnigen
"Führer- und Gefolgschaftsprinzip" und der masslosen Vorstellung von
einer Welt, in der man selbst zu den Herren gehört und alles andere
nichts ist, als ein Raum, in dem Herrschaft angetreten wird, gipfelte. |
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73 Solange diese Vorstellungen noch in den Köpfen
unserer Jugend herumspuken, kann an ein wirkungsvolles Mithelfen am Wiederaufbau
der Heimat nicht gedacht werden. Deshabl muss der Ruf an alle Erwachsenen
ergehen: Helft der Jugend! Helft mit, die Jugend nach demokratischen
Grundsätzen zu erziehen, damit sie reif wird für die grosse Aufgabe,
die sie in Deutschland erwartet. Auf den Schultern unserer Jugend wird
die ganze Last des Neuaufbaues eines friedlichen, demokratischen Deutschlands
liegen. Wir müssen ihr diese grosse Verantwortung erleichtern. Wir
können es nur, wenn wir alle vorbehaltlos mitwirken an der Erziehung
unserer Jugend.
Hans Knecht,
Jugendleiter des Lagers 128,
Emdrupvej 101. |
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